Live long and prosper

Leonard Nimoy verstorben

Die Helden unserer Kindheit. Jeder hat sie. Für manche sind sie unsterblich, da sie aus Comicfiguren bestehen. Für andere kommt notgedrungen der Punkt, an dem sie uns verlassen, da die Menschen, die sie verkörpern, von uns gehen. Leonard Nimoy war der Held meiner Kindheit.

Zusammen mit William Shatner und DeForest Kelley verkörperte Nimoy Spock, Kirk und McCoy, das Trio Infernale von Star Trek. Denn ohne Kirk und McCoy kein Spock. Ohne Spock, kein Kirk und McCoy. Nur zusammen bilden sie eine Einheit. Nur zusammen repräsentieren sie die drei Gesichter des Menschen: Rationalismus, Emotionen, Egoismus. Es drängt sich der Verdacht auf, Gene Roddenberry war vom Freudschen Ansatz der Psychoanalyse inspiriert, Kirk das Ich, aggressiv, selbstbewußt; McCoy das Es, lustvoll; Spock das Über-ich, rational und vermeintlich emotionslos. Spock's Über-ich drückte sich zudem in seinen übermenschlichen Fähigkeiten aus: Nackengriff, Gedankenverschmelzung, Telepathie. Nicht zuletzt ist er zweimal von den Toten auferstanden. Zuerst, als die komplette Crew der originalen Star Trek Pilotfolge gefeuert wurde und Gene Roddenberry beim Produktionsstudio trotzdem durchsetzte, dass Spock bleiben durfte. Das zweite Mal auf dem Planeten Genesis. Welchen Effekt muß so ein Charakter auf den Menschen gehabt haben, der ihn gespielt hat?

Bei einem medialen Ereignis wie Star Trek besteht eine starke Ambivalenz zwischen dem Charakter und seinem Darsteller. Häufig werden diese für ihre Charaktere missverstanden. So wurde beispielsweise Billy Dee Williams, Darsteller des Lando Callrissian, auf der Straße dafür angefeindet, Han Solo verraten zu haben.

Leonard Nimoy kämpfte seit Beginn von Star Trek dagegen an, für Spock gehalten zu werden. Dieser Kampf kulminierte in seiner ersten Autobiographie »I am not Spock«. Der Titel, selbstverständlich von Nimoy gewählt um zu provozieren, aber gleichzeitig um die Trennung zwischen Rolle und Darsteller hervorzuheben, erschütterte viele Fans. Denn für sie war Spock Nimoy und Nimoy war Spock. Nimoys Gesicht war es, der Spock das stoisch gelassene Aussehen verlieh. Nimoys Augenbraue war es, die dazu beitrug, dass »Fascinating« zum Mem geworden ist. Letzenendes war es Nimoy, der das legendäre »Live long and prosper« und den dazugehörigen Handgruß erfand. Nimoy ist zum Prototyp des Vulkaniers geworden und das Wort Vulkanier ist in unserer westlichen Gesellschaft Prototyp für den Rationalisten schlechthin, unabhängig davon, ob man Star Trek kennt oder nicht. Und so zeigt sich, wie tief der Einfluss von Spock auf uns alle ist.

Was viele damals vielleicht nicht wussten: Spock machte Nimoy krank, im wahrsten Sinne des Wortes. In seiner zweiten Autobiographie von 1995 »I am Spock« beschreibt Nimoy, dass er, im Gegensatz zu dem Rest der Crew, die Rolle des »Spock« nach Drehschluss nicht ablegen konnte. Er wurde zu Zeiten von Star Trek zu Spock - im beruflichen und im privaten. Dieser Eingriff in die Privatsphäre ging so weit, dass Nimoy dem Alkoholismus verfiel, um Spocks Stimme in seinem Kopf zum Schweigen zu bringen. Möglicherweise stammte daher der starke Wunsch, sich von ihm abzugrenzen. Shatner hat die Symbiose zwischen Rolle und Schauspieler in seinem Song »Real« folgendermaßen ausgedrückt:

»And while there's a part of me, in that guy you've seen
Up there on that screen, I am so much more
And I wish I Knew the things you think I do
I would change this world for sure
But I eat and sleep and breathe and leed and feel
Sorry to disappoint you, but I'm real.«

Aber möglicherweise ist es eben diese Symbiose zwischen Darsteller und Rolle, die so einen starken Eindruck auf uns hat. Im Gegensatz zu vielen anderen Serien und »Franchises« steht Star Trek für Aufklärung, Humanismus, Toleranz, Diplomatie. Selten haben in dieser Serie Waffen einen Konflikt gelöst. Star Trek steht für den Wunsch der Generation des Kalten Krieges, Frieden in die Welt zu bringen. Spock, zusammen mit Kirk und McCoy, verkörperte diesen Geist der Aufklärung, des Humanismus, der Toleranz. Leonard Nimoy verkörperte Spock. Wen wundert da diese Verwechslungsgefahr angesichts der Verflechtung zwischen Realität und Fiktion?

Ein Freund von mir, Philosoph von Beruf, hat neulich festgestellt, dass der Großteil seiner moralischen Vorstellungen durch Star Trek gebildet worden wäre und nicht, wie von ihm ursprünglich vermutet, durch seine religöse Erziehung. Star Trek und seine Darsteller begeisterten und inspirierten Millionen von Menschen. Unzählige erlagen dem von Star Trek inspirierten Wunsch, »to boldly go, where no man has gone before« und haben dadurch sowohl Beruf als auch Berufung gefunden. Ich persönlich bin diesem Drang unterlegen und bin Forscher geworden, um mich tagtäglich aufs Neue dem Unbekannten, der Grenze zwischen Wissen und Nichtwissen zu stellen.

Leonard Nimoy versuchte, sich von der Rolle zu emanzipieren - er führte Regie, machte Musik, fotographierte. Doch Spock ließ ihn niemals los. Spock und seine Sichtweise auf die Welt haben ihn sein ganzes Leben lang begleitet. In »I am Spock« zeigt er dies, indem er immer wieder Zwiegespräche mit ihm führt. Über Belangloses, über Privates, über Intimes. Beinahe scheint es wie eine Rehabilitation seines Alter Egos. Seinen letzten Auftritt vor den Augen der Welt im Jahre 2013 hatte Nimoy nicht als Fotograph, Musiker oder Regisseur. Er hatte ihn als Spock. So denkwürdig dieser Auftritt gewesen sein mag, so vielsagend ist er: Er war und er wird es immer bleiben: Spock.

gepostet (FTo) = Fabian Tomaschek