Ursula K. Le Guin

Ein großer Verlust für die Science-Fiction – aber erst recht ein großer Verlust für uns alle.

Mit Ursula K. Le Guin ist ein Mensch von uns gegangen, der uns viel und bedeutendes zu sagen hatte. Die Autorin verdient eine Würdigung als große Literatin, die ihr im verdienten Maße zeitlebens verwehrt geblieben ist. 

Dass viele Kommentatoren sich vorrangig auf ihr sicherlich wichtiges Buch »Die linke Hand der Dunkelheit« beziehen, dabei aber andere Veröffentlichungen unerwähnt lassen, ist umso bedauerlicher. Auch wenn eben jenes Buch und seine intensive Auseinandersetzung mit unserer durch geschlechterstereotypen geprägten Gesellschaft sicher nicht nur mein Denken beeinflusst haben dürfte, wird der Autorin eine thematische Eingrenzung auf die Geschlechterdebatte alles andere als gerecht. Zumal in die »Die linke Hand der Dunkelheit« der Aspekt des Respekt vor dem/den „Anderen“, als ein weiterer zentraler Kerngedanke, zum Ausdruck kommt. Ein Gedanke, der sich als tragendes Element durch das Gesamtwerk und das Schaffen der Autorin zieht.

Die in den Texten von Ursula K. Le Guin differenziert dargestellte Gefühlswelt der handelnden Personen ist von aufrichtiger Toleranz, Menschheitsliebe, einer einfühlsamen Weiblichkeit, nein – besser noch: Menschlichkeit – geprägt.

Ursula K Le Guin Freier Geister Fischer TOR Rezension Header

Andere Bücher der Autorin, wie etwa »Planet der Habenichtse« (The Dispossessed – u.a. neu erschienen unter dem Titel »Freie Geister«), »Rocannons Welt« oder »Das Wort für Welt ist Wald« – für James Cameron sicherlich eine der Inspirationsquellen für seinen Film Avatar – werden von Kommentatoren bedauerlicherweise deutlich seltener erwähnt.

Gerade aber auch Bücher wie »Das Wort für Welt ist Wald« können als mindestens ebenso beeindruckend und aussagestark wie »Die linke Hand der Dunkelheit« betrachtet werden. Hier scheint ihre eigene Kindheit, Geschichte und Prägung (ihr Vater war Anthropologe) sehr stark durch. Es wird erkennbar, welchen Respekt sie vor allem Leben, der Natur und der Existenz an sich hatte – und wie wichtig ihr der Anspruch auf ein emanzipiertes, gleichwertiges wie auch gleichberechtigtes Zusammenleben war. Davon, dass sie vor allem darin den richtigen Weg und die einzig wirklich gangbare Perspektive für die Menschheit gesehen hat, darf man wohl ohne allen Zweifel überzeugt sein. Unterdrückung, Verdummung, die Entfremdung des Menschen von seiner Menschlichkeit, Hass und Gewalt (ein Thema mit dem sie sich zuletzt noch tiefgründig in einem bemerkenswerten Essay anlässlich der Wahl von Donald Trump beschäftigte), die Zerstörung von Leben und Natur – wie wir es im vielfach sinnlosen Wirken unserer kapitalistisch Gesellschaften erleben – und mangelnder Respekt vor der Existenz, war ihr ein Gräuel. Ursula K. Le Guin war eine Anarchistin, weil sie die Macht von Menschen über Menschen und deren Missbrauch zutiefst ablehnte.

urula Bibliothek

Ihr Anarchismus jenseits aller Ideologien war aber keinesfalls naiv, sondern sie unternahm (vor allem in „Planet der Habenichtse“) den Versuch, differenziert und durchaus philosophisch, das Modell einer freieren und gerechteren Gesellschaft zu entwickeln. Als zentrales Element der Handlung stellte sie ihr Gesellschaftsmodell zudem einer unserer Erde vergleichbaren Gegenwelt gegenüber und legte dar, worin sie die gesellschaftlichen Fehlentwicklungen unseres elitär orientierten Lebens und Wirtschaftens sah. Ihre durchweg zum Tragen kommende Gedankentiefe zeigt sich auch darin, dass ihr Gesellschaftsentwurf Grundzüge menschlicher Natur durchaus berücksichtigt. Insbesondere, dass sich menschliches Verhalten beständig im Spannungsfeld zwischen dem „Ich“ und dem „Wir“, zwischen Egoismus und Altruismus definiert, fand so selbstverständlich Einzug in ihren Entwurf einer „besseren“ Welt. Ein naives und heilbringendes Utopia, eine glückselige egalitäre Gesellschaft ohne weiteren Entwicklungsbedarf zu präsentieren, lag Ursula K. Le Guin fern.

Wie Sebastian Pirling in seinem Nachruf auf zukunft.de treffend feststellt, brachte auch ihr Erdsee-Zyklus „eine so erwachsene, psychologisch so tiefschürfende und erzählerisch so beglückende Fantastik“ hervor, wie man sie vorher und nachher wohl kaum gelesen hat. Eine Feststellung, die man wohl ohne Zweifel unterstreichen kann.

Bedauerlich, dass ihr Gesamtwerk keine weitere Verbreitung findet, ihre Bücher kaum mehr gelesen (oder gehört) werden. Denn selten hat eine Autorin ihre Gedankenwelt überzeugender darlegen, ansprechender formulieren und mit einer dermaßen erzählerischen Tiefe vermitteln können. Wer Ursula K. Le Guin liest wird erkennen, dass wir alle gefordert und auch befähigt sind eine bessere Welt zu schaffen. Ein Gedanke, der uns heute leider allzu oft abhandenkommt. Mit ihrem Tod haben wir eine Humanistin im edelsten Sinne verloren. Nichts desto trotz hat sie uns in ihren Schriften elementare Botschaften hinterlassen, die wir lesen und für deren Verbreitung wir uns engagieren sollten.

Deswegen zum Schluss dieser Zeilen ein Wunsch an die EXODUS-Redaktion: euer Magazin sollte in der kommenden Ausgabe die große Autorin Ursula K. Le Guin zumindest mit einer Zusammenstellung ihrer Veröffentlichungen würdigen.  


Achim Biergans

 


Weiterer Buchtipp: »VERLORENE PARADIESE«


Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Mehr Informationen