Der Orchideenkäfig ...

Science-Fiction meets Art:
Eine bemerkenswerte Live-Aufführung in der Johanniskirche

Was ist den Malern dieser Welt trotz gänzlich unterschiedlicher Stile und weltanschaulicher Ansichten weithin gemein? Von phantastischen bis zu abstrakten Künstlern, von Portrait- bis zu Landschaftsmalern: alle, auch die des Genres Grafik, die schon traditionell in EXODUS präsentiert werden, wünschen sich, dass ihre Werke das eigene Leben überdauern und auch von folgenden Generationen noch wahrgenommen werden.

Chris Kaiser ist da von anderem Schlag. Er produziert seine Bilder aus flüchtigem Sand gerade nicht für die „Ewigkeit“, sondern als Metapher fürs Vergängliche allen Seins. Und das mit bloßen Händen auf einem mit Sand gefüllten Tableau, nur gelegentlich unterstützt von einem technischen Hilfsmittel: einem Lineal. So zu sehen in einer außergewöhnlichen Multimedia-Performance im Rahmen des Europäischen Festivals für Kirchenmusik, das im Juli 2018 wieder tausende von Besucher aus ganz Europa drei Wochen lang ins idyllische Schwäbisch Gmünd lockte. Dieses Jahr stand das Event, das 2010 von der Initiative Deutschland – Land der Ideen  für seine „Kreativität und Innovationskraft“ ausgezeichnet wurde, unter dem Motto „Mit allen Sinnen“. Und genau dieses Thema wollte der künstlerische Leiter Klaus Stemmler, auch Anhänger hochwertiger Science-Fiction-Literatur,  mit einer ganz speziellen Uraufführung für das Festival abrunden. Er lud eine regionale Künstlergruppe dazu ein, ein Werk utopischer Literatur für das Festival multimedial und eben „für alle Sinne“ umzusetzen. Daraus wurde schließlich:  Sandfiction 4K – Der Orchideenkäfig, so der Titel der Performance, die auf der Vorlage des Romans von Herbert W. Franke basiert. 4K steht dabei für vier Künstler, die sich, aus ganz unterschiedlichen Kunstrichtungen kommend, hier zu einer Künstlergruppe der besonderen Art zusammen gefunden haben. 

HIE 2973 1

Aufgeführt in der romanisch-barocken Johanniskirche, war der Altarraum in eine Bühne verwandelt worden, auf der der Sandmaler die Zuschauer im vollbesetzten Kirchenschiff am Entstehungsprozess seiner Bilder via Großbildwand direkt teilhaben lässt. Vor ihren Augen entstehen wundersame Bilder, flüchtige Eindrücke von Landschaften fremder Planeten, von digital kontrollierten Menschen und – last, but not least - dem Orchideenkäfig. Doch davon erst später. All das in ständiger Veränderung. Ist es vollbracht, wird es gleich mit einem Wischer des Arms wieder zu amorphem Sand - zerstört? Nein, nicht direkt, die Sandbilder gehen nur den Weg alles Irdischen. Da rückt gar ein biblischer Vergleich in den Sinn: aus Sand geboren, kehren die Bilder zu Sand zurück ... Dem Auge, nur scheinbar der dominante Sinn des Menschen, bringt das ein starkes sinnliches Erlebnis, doch auch den anderen in dieser Produktion „für alle Sinne“ beteiligten Künstlern kommt eine gleichwertig bedeutende Rolle für die Wahrnehmung des multimedialen Gesamterlebens zu. Zuerst einmal sind da die beiden Musiker, die es in einem gelungenen Wechselspiel um die auditive Ebene erweitern. Einer, Peter Nickel, spielt mit dem Violoncello und zitiert unter anderem Kantaten von Bach, meist nur kurz angerissen, teils auch moduliert und verfremdet wiedergegeben. Nach eigener Aussage symbolisiert er in der Performance die „Reinheit“ und die „Wahrheit“. Der andere Tonkünstler, Xoforo, am digitalen Synthesizer tätig, sieht sich dagegen in der Rolle eines Filmmusikers, der mit seinen Klängen, eher untermalend als führend, Stimmungen der Handlung assoziativ begleiten will. Womit wir beim Kontext des Bühnenstücks auf dem Kirchenaltar angelangt wären. Der Text wird von der Schauspielerin Sarah Gros vorgetragen, die jedoch nicht nur interpretierende Künstlerin ist, sondern auch maßgeblich für die inhaltliche Gestaltung der Aufführung verantwortlich zeichnet.

HIE 2995 1

Den Lesern von EXODUS muss man den Autor von Der Orchideenkäfig nicht weiter vorstellen: Herbert W. Franke gehört zweifellos zu den Großen des Genres. 2016 wurde er für sein literarisches Gesamtwerk, das derzeit in einer opulenten Werkausgabe bei p.machinery erscheint,  von der European Science Fiction Association mit dem Titel „European Grandmaster of Science Fiction“ ausgezeichnet, als erster deutschsprachiger Autor überhaupt.

Der Orchideenkäfig, der so wohlklingende Titel seines zweiten Romans aus dem Jahr 1961, lässt im Kopf sofort Vorstellungen angenehmer Duftkompositionen sowie floral-ästhetische Bilder entstehen, die übrigens auch im Sand zu sehen waren. Sie bilden allerdings einen harten Kontrast zur tatsächlichen Handlung, die erst zuletzt das Geheimnis dieses geheimen Ortes und seiner Bewohner lüftet. Sarah Gros hat das Stück mit den darin aufgeworfenen Fragen über die Zukunft der menschlichen Evolution im Künstlergespräch vor der Aufführung als extrem modern bezeichnet, mehr noch, sie empfand es persönlich „als Glückfall“, dass sie das Werk für sich entdecken durfte. Mit großer Akribie ist es ihr gelungen, die darin aufgeworfenen großen Fragen der Menschheit - wohin entwickeln wir uns und vor allem, wohin wollen wir uns entwickeln? - in einem einstündigen Kondensat der Romanhandlung eindrücklich zu präsentieren. In den vier szenischen Umsetzungen blieb sie sehr nah am Originaltext, verwendete einige prägnante Passagen aus dem Roman, nur sparsam modernisiert und mit kurzen Übergangstexten verbunden.

HIE 2998 1

Aber erzählen wir die Geschichte der Reihe nach: Die Aufführung beginnt mit dem Auftritt einer Stewardess in schicker Uniform, die das Kirchenschiff kurzerhand in ein großes Raumschiff verwandelt. Denn alle Anwesenden sind auf einer Vergnügungsreise zu einem fremden Planeten, auf dem die nächste große Reality-Show eines Wettkampfspiels mehrerer Teams von der Erde stattfinden soll. Ihnen werden von der Dame in blau, die mit ihren etwas synthetisch wirkenden Bewegungen vermutlich kein Mensch, sondern ein Roboter ist (was allerdings nicht aufgeklärt wird), nochmals kurz die Spielregeln erklärt: Alles ist den Teams erlaubt in diesem Wettkampf auf einem namenlosen Exoplaneten weit draußen im Universum. Ziel ist es, die schwer findbaren fremden Lebewesen zu entdecken. Niemand der Teilnehmer kennt sie oder hat eine Vorstellung darüber, wie fremdartig oder auch nicht sie für menschliche Wesen sind. Jedenfalls: Das Team, dem es als erstem gelingt sie aufzuspüren, wird in den irdischen Himmelsatlanten künftig Namensgeber des Planeten sein. Der  Sieg legitimiert dabei alle Mittel, will heißen: auch den Einsatz von Gewalt samt Waffen gegen die anderen wettstreitenden Teams. Das Spiel kann beginnen!

Szene „Das Spiel“: Auf der Bühne tritt die Teilnehmerin aus einer der Spielgruppen auf. Ihr Monolog lässt uns teilhaben an ihren Gedanken beim Fortgang des Spiels, Gedanken über die unbekannten Wesen dieses Planeten, aber auch zweifelnde, letztlich jedoch nicht widersprochene Fragen hinsichtlich der Entscheidung des Teams, Waffengewalt einzusetzen, selbst wenn es das Leben anderer Menschen kosten sollte.

HIE 3028 1

Szene „Die Gerichtsverhandlung“: Aus dem Lautsprecher tönt eine kompromisslose Maschinenstimme. Denn künstliche Intelligenz hat auf diesem Planeten offenbar die Kontrolle übernommen. Wir sind in einem Gerichtssaal, unsere Darstellerin ist angeklagt, am Tod von Menschen mit schuld zu sein. Die Angeklagte versucht sich zu widersetzen. Von einer Maschine befragt, wo möglich verklagt zu werden? Das sei einfach nicht menschenwürdig! Doch der oberste Hüter des Gesetzes nimmt die Teilnehmerin ins härter werdende Kreuzverhör, will, dass sie sich erklärt: Warum habe sie Waffen eingesetzt und Leben rücksichtslos in Gefahr gebracht, ja sogar getötet? Wie könne man andere Lebewesen absichtlich verletzen? Die Fragen des algorithmisch gesteuerten Wesens werden immer unerbittlicher, Fragen, die die Angeklagte nur diffus und in steigendem Maß verunsichert beantworten kann. Es gibt kein Entrinnen … nach dem Gesetz des Planeten wird sie zum Tod verurteilt. Doch das ist nicht noch das Ende der Geschichte …

Sarah Gros hebt im persönlichen Gespräch hervor, dass der Mensch im Orchideenkäfig offenbar jegliche moralische Instanz längst verloren hat. Stattdessen wird sie von der künstlichen Intelligenz vertreten, die dem Menschen viele Fragen ethischer Dimension stellt.

Im Lauf der Gerichtsverhandlung wird zudem klar, dass die Wesen auf diesem fremden Planeten menschenähnlich sind und eine vergleichbare Entwicklung genommen haben, allerdings schon wesentlich weiter entwickelt sein mussten. Doch wo sind Sie? Die Beklagte hatte die unsichtbare Maschinenstimme immer eindringlicher gefragt, wollte mehr wissen über die  Bewohner dieses öden Planeten. Die künstlichen Intelligenzen sind nicht deren Feinde, sondern ganz im Gegenteil: Sie sehen ihre zentrale und wichtigste Aufgabe darin, sie vor jeglichen Gefahren zu schützen, ihnen gänzliche Sicherheit zu geben – und: ihnen alle Wünsche zu erfüllen. Doch wo sind Sie? Und wie leben Sie? Nirgends waren die Teilnehmer des Wettkampfes auf sie gestoßen, auch nicht in den verfallenen Bauwerken einer früher offenbar glänzenden Metropole. Zuletzt wird das Geheimnis gelüftet. Die künstliche Intelligenz gewährt unserer Hauptdarstellerin den Zugang zum Orchideenkäfig, jenem geheimen Ort tief unter der Erde.

HIE 3048 1

Szene „Im Orchideenkäfig“: Während auf der Leinwand prachtvolle florale Bilder entstehen - in violettes Scheinwerferlicht getaucht - und in der Luft ein Hauch von Lavendel liegt, tritt die Darstellerin in den Orchideenkäfig, tatsächlich einen Hochsicherheits-Bunker  – mit der schockierenden Erkenntnis: Die Wesen auf diesem Planeten haben dank der Roboter das ewige Leben erreicht, jeder zu einer unförmigen Masse entkörpert, verkabelt, an eine Maschine angedockt, die für sie immer währendes Glücksgefühl produziert. Ist das auch die Zukunft des Menschen, fragt sich die namenlose und irgendwie für uns alle stehende Repräsentantin der menschlichen Zivilisation tief unten im Orchideenkäfig.

Die ultimative Frage an die künstliche Intelligenz: Was tun diese Menschen hier, denken Sie denn nicht? Und die verstörende Antwort: Wozu sollten sie denken? Glück kommt nur durch das Gefühl. Alles andere stört. Ein wörtliches Zitat übrigens aus der literarischen Vorlage, den der SF-Kenner Michael Haul in einer Besprechung auf der Webseite Astron Alpha vor kurzem so beschrieb: „Der Roman … ist intelligente Science-Fiction vom Feinsten, die sich mit der Frage beschäftigt, wie sich die Menschheit unter dem Einfluss der fortschreitenden Technisierung weiterentwickeln wird. Franke entwirft als mögliche Antwort eine logisch nachvollziehbare, erstaunlich aktuell anmutende Vision.“ Tatsächlich scheint Der Orchideenkäfig im Zeitalter von Mixed Reality und virtuellen Welten, dem Internet der Dinge und dem „digitalen Footprint“ des Menschen im Netz aktueller denn je. 

Unbeantwortete Fragen blieben nach dem überraschenden Ende, die wohl alle Zuschauer der eindringlichen Performance bewegten, gleichzeitig belohnten sie aber auch die Künstler dieser kongenial multimedialen Umsetzung der literarischen Vorlage mit lang anhaltendem Applaus und Bravo-Rufen. Die Kritikerin in der Rems-Zeitung von Schwäbisch-Gmünd meinte gar: „Ein phänomenaler Wurf multimedialen Kunstgeschehens in jeder Hinsicht!“ Schade nur, dass diese Aufführung vorläufig ein Solitär der Bühnenlandschaft bleibt.

Susanne Paech

© Fotos: Hartmut Hientzsch


Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Mehr Informationen