Eine Interviewreihe zum Abschied, Teil 4
Zum Abschluss unserer Interviewreihe kommt Heinz Wipperfürth zu Wort. Als langjähriger Herausgeber und Lektor hat er EXODUS über viele Jahre begleitet und geprägt. Seine Antworten folgen dabei ihrem ganz eigenen Rhythmus – so, wie man es von Heinz – »HeinRich« – kennt und schätzt.
Abschiedsinterview mit Heinz Wipperfürth:
»Lektüre bildet!«
Heinz, ich habe dich als unglaublich versierten Lektor mit einem absoluten Sinn für korrekte Sprache erlebt. Woher kommt das? Bettest du dein Haupt nachts auf einem Duden?
Offen gesagt habe ich nicht ein einziges Semester Germanistik studiert! Doch ich bin stolzer Besitzer einer großen Literatursammlung, zur Stunde 20.969 Titel, überwiegend SF und Phantastik. Deren Lektüre bildet! Als Lektor beurteile ich Texte zunächst intuitiv: Ist an dem Satz etwas unstimmig, sei es grammatisch, syntaktisch oder stilistisch. Klingt der nicht gut, suche ich nach einem besseren Wortlaut.
Weil du so viele, viele Geschichten bearbeitet hast: Wie schätzt du die Textqualität der deutschen Science-Fiction heute ein? Und was könnte hier noch besser werden?
Lange Zeit wurde unserer SF geringe Textqualität und »schlechtere Lesbarkeit« nachgesagt. Studien der Uni Regensburg widerlegen dies jedoch. Der sogenannte »literarische Genre-Effekt« beweist, dass intrinsische Texteigenschaften und Wordbuilding das emotionale Engagement fördern und somit hohe literarische Qualität erreichen können.
Nüchtern betrachtet, führt SF-Literatur hierzulande ein Nischendasein. Sollten wir nicht lieber alle Fantasy oder Krimis schreiben und publizieren, um mehr Wahrnehmung zu bekommen?
Nö!
Wie wäre es denn, wenn die Science-Fiction in Deutschland mal neue kreative Ansätze und Kombinationen ausprobieren würde? Etwa SF und Lyrik, die du ja sehr schätzt. Oder SF auf der Theaterbühne? Vielleicht hast du selbst noch andere Vorschläge …?
Heutzutage in den durchgestylten Marktzwängen wirkt alles wie erstarrt, nicht nur in Deutschland. Früher gab´s bei uns kosmisch-psychedelische Musik von Tangerine Dream, Ash Ra Tempel, Klaus Schulze, Amon Düül – Solaris und Zeitmaschine im Theater ganz in der Nähe (Krefeld, Mönchengladbach) ...
War die Science-Fiction, die du noch vor dreißig, vierzig Jahren in Büchern, Comics oder Filmen goutiert hast, experimentierfreudiger und überraschender als die von heute? Manchmal habe ich den Eindruck, es sei schon alles gesagt worden.
Ja. Zu Weihnachten ’65 spielten die Astronauten Schirra und Stafford im Weltraum auf der Gemini 6 »Jingle Bells« mit Mundharmonika und Schellenglöckchen. Heute undenkbar!
Du bist der Letzte in der Interview-Runde mit den Herausgebern. Ich finde, du solltest hier ein Schlusswort sprechen. Was möchtest du den treuen Leserinnen und Lesern von EXODUS noch mit auf den Weg geben?
Habt Dank, liebe Freund(e)/innen, für euer Wohlwollen! Es war eine schöne Zeit und ich habe immer das Beste für euch gegeben, aber nun bin ich fast schon so alt wie der Trump und werde mit jedem Tag ein bisschen blöder ...
Das Interview wurde per Mail geführt.
