Eine tote Megacity, verstörende Androiden und ein Mann auf der Jagd nach einer Gestalt, die ihm auf unheimliche Weise vertraut erscheint: David Daubitz entwirft in „MALWARE“ eine düstere Zukunftsvision zwischen Cyberpunk, Paranoia und Identitätsverlust. Doch in District 4 ist offenbar nichts so, wie es auf den ersten Blick scheint.

 

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Malware

District 4 ist tot. Nichts bewegt sich außer dem Licht. Neonreklamen flackern wie defekte Sterne über einem Raster aus makellos schwarzem Asphalt. Hologramme lächelnder Pillen und synthetischer Erotika schweben über den heruntergelassenen Rollläden der Geschäfte. Irgendwo summt eine Servicedrohne eine Wartungswarnung, doch niemand ist da, um sie zu hören.
      Schritte auf dem Asphalt. Schnell. Schwer. Verzweifelt.
      Jack stürmt durch die leere Straße, keuchend, sein schwarzer Bodysuit schweißgetränkt. Er ist ein Brocken von einem Mann: dicke Arme, ein Hals wie ein Pfosten, der Kiefer verkrampft, als würde er Stahl zermahlen. Keine Autos. Keine Menschen. Nur das Echo seines Atems, das von den skelettierten Glastürmen zurückgeworfen wird. Neo-Tokyo blickt nicht zurück. Nicht mehr.
      Sein Blick wandert nach hinten. Nichts. Die Überwachungslinsen glänzen stumm, manche blind, manche wachsam. Ein Anflug von Paranoia durchzieht seine Brust, als er in eine schmale Gasse einbiegt. Nicht mehr viele von uns da, denkt er. Und die, die noch atmen? Verrückt. Komplett durchgedreht. Ich werde nicht der Nächste sein.
      Jack rennt nicht nur. Er jagt. Jemanden, der vor ihm wegläuft. Eine dunkle Gestalt. Sie ist schnell. Zu schnell. Vielleicht menschlich. Sie war Jack nahe Sektor 2 aufgefallen. Dieselben Augen. Dieselbe Silhouette. Seitdem verfolgt er die Gestalt wie ein Jagdhund durch das Gerippe der toten Stadt, bis er die Spur in einer schmalen Seitengasse verliert.
      Müllcontainer quellen über vor synthetischem Abfall – tote Servos, geplatzte Nährstoffpacks, Teile von mechanischen Gliedmaßen, die einst empfindungsfähig gewesen sind. Eine Sanitärspinne huscht davon, als Jack sich an dem Unrat vorbeidrängt und einen Container umstößt. Über ihm summt eine unscheinbare Leuchtreklame im Halbdunkel. Vertraut, auf eine unangenehme Weise, als hätte er sie schon irgendwo gesehen. Zwischen dem ganzen Abfall erblickt er eine Eingangstür.
      Massiv. Ohne Griff. Nur ein eingelassenes Panel für die Maschinen-ID. Jack zögert nicht. Er hämmert mit der Faust gegen das Metall. Einmal, zweimal, dreimal. Dann Stille.
     Ein Quietschen. Die Tür öffnet sich einen Spalt. Dahinter steht Glenn, ein Android. Optisch Mitte dreißig, mechanisch um die neunzig. Sein Irokesenschnitt ist an den Spitzen angesengt, die Augen flackern unruhig. Er stinkt nach synthetischem Selbstvertrauen und null Empathie – wahrscheinlich eher der Geruch des gepanschten Daten-Narkotikums, das er intus hat.
      »Nicht dieses Mal«, lallt Glenn – und schlägt die Tür zu.
      Jack gibt nicht auf. Er rammt die Schulter gegen das Metall und hämmert erneut darauf herum. Unerbittlich. Schließlich springt die Tür einen Spalt auf. Jacks Hand schnellt nach vorn, packt Glenns rechten Arm. Mit einem brutalen Ruck verkeilt er ihn im Türrahmen und reißt die Extremität aus ihrer Verankerung. Metall zerreißt. Künstliche Sehnen zerfetzen wie straff gespannte Drähte. Funken sprühen in der Dunkelheit. Glenn heult auf, taumelt.
      Jack tritt durch die Tür und schleppt den scheinbar leblosen Arm wie eine Trophäe mit sich. Den Androiden tritt er achtlos zur Seite und schmettert die Tür hinter sich zu.
      Der Gang vor ihm ist schmal, schwarz und erfüllt von einem tiefen, latenten Summen. Staub liegt auf dem Boden und die Luft riecht nach Maschinenöl und verbrannten Schaltkreisen. Jack atmet schwer, seine Augen scannen wild umher, seine Brust hebt und senkt sich. Er blickt auf den abgerissenen Arm in seiner Hand. Er zuckt schwach, die Finger krümmen sich unwillkürlich.
      »Verdammte Blechbüchse«, murmelt er.
      Er weiß etwas. Sie wissen alle etwas. Sie sagen es nur nicht, denkt er.
      Glenn kommt hinter ihm herangeschlurft. Funken sprühen aus seiner offenen Schulter. Jack beachtet ihn nicht. Er wird sich nicht bei ihm entschuldigen.
     Der Gang führt zu einer schummrigen Lounge, beleuchtet von vereinzelten violetten LED-Streifen, die sich wie Adern über die Decke ziehen. Es riecht nach verschmortem Plastik und etwas süßlich Chemischem, vermutlich billige Androiden-Drogen. Es ist still. Zu still. Als hielte selbst die Luft den Atem an. Es ist eine Androiden-Bar, in der Glitch Jazz in Endlosschleife läuft. An mehreren Tischen sitzen sie. Jack ist sich sicher: keiner davon ein Mensch. Dafür zugedröhnte Androiden, die ihn mustern.
      Jacks Stiefel hinterlassen schmierige Spuren auf dem polierten Beton. Seine bloße Präsenz schneidet durch die Stille wie eine bedrohliche Klinge.
      »Jemand ist hier durchgekommen«, knurrt er und lässt den Blick über die Gesichter wandern. »Groß. Trägt Schwarz, so wie ich. Wo ist er?«
      Glenn schleppt sich an Jack vorbei und kracht in den Sitzbereich der Bar. Stühle fliegen. Ein kleiner Tisch gibt unter seinem Gewicht nach und zerbricht. Jack knallt dessen Arm auf den Bartresen.
     Die Androiden drehen ihre Köpfe zu ihm. Unterschiedliche Generationen, unterschiedliche Hüllen. Manche humanoid, andere noch mit deutlich maschinellem Äußerem. Einige tragen menschliche Kleidung, was ihm wie ein Witz vorkommt. Manche zeigen Anzeichen von Glitches: zuckende Augen, verzögerte Kopfbewegungen. Einer lehnt zitternd in einer Ecke, gefangen in irgendeiner korrumpierten Routine.
     Stille.
     Plötzlich eine Bewegung. Eine Gestalt an der Bar schießt in Richtung des hinteren Gangs davon. Jacks Blick rastet auf der fliehenden Silhouette ein. Das ist der Mann, den er verfolgt! Jack denkt nicht, er handelt. Und nimmt mit gezücktem Messer die Verfolgung auf. Doch Glenn stellt sich ihm taumelnd in den Weg.
     »Jetzt bin ich dran«, knurrt der angeschlagene Android. Er holt mit dem linken Arm aus, bereit für einen Schlag. Jeder Android in der Lounge reißt gleichzeitig den Kopf hoch, richtet sich mit unheimlicher Synchronität auf Glenn aus. »Regel drei Punkt eins«, sagen sie im Chor. Flach. Mechanisch. Glenns Faust stoppt mitten in der Bewegung, nur wenige Zentimeter vor Jacks Gesicht. Sein Körper ist gefangen in einer unsichtbaren Fessel.
     Jack zuckt nicht einmal. Er starrt nur auf die Faust, auf Glenns verzerrten Gesichtsausdruck, der Schmerz und zugleich Demütigung ausdrückt. Dann atmet Jack aus, tritt an ihm vorbei und rennt den Gang hinunter in den hinteren Bereich der Bar.
     Er sieht nicht, wie sich Glenns Augen verdunkeln, bevor der Android wie eine Puppe zusammensackt, der man die Fäden durchtrennt hat.
     Die anderen Androiden wenden sich erneut ihren Drinks, Datenkernen oder internen Schleifen zu. Die Spannung im Raum ist nicht gewichen, sie gräbt sich nur wieder unter die Oberfläche, wie ein schlafender Virus.
     Nahe der Theke schwebt Op-Rah. Ihre untere Hälfte besteht aus einem Geflecht spinnenartiger Beine, gelenkig, wohl orchestriert und präzise. Leise gleiten sie über den Boden. Der Oberkörper entspricht hingegen einem klassischen Androidenmodell mit zwei Armen und einem Kopf. Op-Rahs Blick ist fixiert auf den Gang, in dem Jack verschwunden ist.
     In der hintersten Ecke der Lounge rührt sich Zill, ein schlanker Androide in einem eleganten Anzug, makellos gewartet. Seine Bewegungen wirken indes einstudiert. Genervt murmelt er: »Immer gibt es Ärger, wenn sie zurückkommen.« Aus seinem Finger fährt eine hohle Nadel aus. Er taucht sie in eine Glasröhre und injiziert sich die schwarze, zähflüssige Substanz. Sein Kopf zuckt. Ein Auge glitcht. Woraufhin er selig lächelt ...

 


Wer sind „sie“ – und was geschieht, wenn sie zurückkommen …?

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© David Daubitz
Erstveröffentlichung für EXODUS 50.1
© Illustration von Niklas Peter Robin Kappenstein