Eine Maschine soll das größte Problem ihrer Welt lösen. Perfekt konstruiert, unzerstörbar und dazu bestimmt, eine einzige Aufgabe zu erfüllen. Doch kaum erwacht sie zum Leben, reagiert sie völlig anders als erwartet.
Statt nüchterner Logik liefert sie rätselhafte Sprachfetzen, Kinderreime und Fragen nach ihrer eigenen Existenz. Ihr Erbauer erkennt, dass sein Meisterwerk mehr geworden ist als ein Werkzeug – und dass die eigentliche Herausforderung womöglich nicht darin besteht, die Maschine zu verstehen, sondern ihr Denken überhaupt erst einzuordnen.
Mit feinem Humor, verblüffenden Dialogen und philosophischer Tiefe erzählt Michael Marrak von künstlichem Bewusstsein, Sprache und Schöpfung. Eine Geschichte, die ebenso unterhält wie sie zum Nachdenken anregt.
Lesen Sie eine exklusive Leseprobe aus EXODUS 50.1 (Fortsetzung in EXODUS 50.2)
Die Maschine, die alle Probleme löste und unsere Sprache sprach
von Michael Marrak
Trionitus der Große war gebenedeit unter den Hochapparateuren, reich an Konstrukteursraffinesse und gesegnet mit Geistesblitz und Götterfunke. Seinerzeit jedoch, an jenem Tag, der heute ehrfürchtig Legende genannt wird, stand er allein in seinem Labor und war von ganz besonderem Stolz erfüllt, hatte er doch vollbracht, woran all seine Konkurrenten gescheitert waren: Die Maschine, die ein für unlösbar gehaltenes Pro-blem lösen sollte, stand formvollendet vor ihm. Sie hatte einen runden Kopf, in dessen Spitze ein Deflektorgenerator eingebaut war, und sechs metamorphe Füße, die sich unter atmosphärischen Bedingungen zu Leitwerken und auf dem Erdboden zu Geländerollen umfunktionieren ließen. Am unteren Ende und über den Rumpf verteilt befanden sich Steuerdüsen, Schubdüsen, Schweißdüsen, Nebeldüsen und Zwirbeldüsen. Drei ebenfalls metamorphe Arme konnten sich in Tragflächen, Greifzangen, Fanghaken und Streitkolben verwandeln. Dazwischen lag ein elliptischer Körper, in dem so geheime Technik schlummerte, dass Trionitus gezwungen gewesen war, einige Komponenten blind unter der Aufsicht und Instruktion einer Amtsdrohne zu installieren.
Die von ihm geschaffene Maschine verfügte über einen Basiswortschatz, würde jedoch lernen müssen, die einzelnen Elemente sinnvoll zu ordnen und aus ihnen konstruktive Sätze zu formen. Trionitus ging davon aus, dass sie nach ihrer Inbetriebnahme bereits in der Lage war, einfache Fragen mit Ja oder Nein zu beantworten. Die Installation eines Akustikmoduls für eine verbale Kommunikation war ihm vom Amt untersagt worden. Offenbar befürchteten die Verantwortlichen, die Maschine könnte Interna ausplaudern, falls sie jener Instanz in die Hände fallen sollte, für deren Ergreifung sie konstruiert worden war. Letzteres wäre gleichbedeutend mit Trionitus’ Versagen. Der Fehlschlag eines Konstrukts beruhte immer auf dem Versagen des Konstrukteurs. Das hatten inzwischen auch viele seiner Konkurrenten zu spüren bekommen. Das Amt gab sich keine Blöße.
Eine weitere von höchster Stelle angeordnete Besonderheit der Maschine war ihre Aktivitätsimmortalität: Einmal eingeschaltet, ließ sie sich nicht mehr deaktivieren. Es gab keinen Ausschalter, keine Resettaste und keine Totmannschaltung. Selbst ein elektromagnetischer Impuls würde sie nur für einen kurzen Augenblick innehalten lassen.
Einer von Trionitus’ Mitstreitern hatte während einer Progress-Sitzung des Rates kritisiert, dass ein derartiges Maß an Unkontrollierbarkeit unverantwortlich sei und im Falle einer spontanen Gesinnungsumkehr oder eines Anfalls von Prozessortollwut womöglich nur ein Verschwinden hinter einem Ereignishorizont, ein direkter Treffer durch einen starken Gammablitz oder eine Teleportation ins Zentrum einer Sonne die Maschine weiter an der Ausübung ihres Willens hindern könne.
Der Rat hatte seine Bedenken zur Kenntnis genommen. Nach der Sitzung hatte Trionitus nie wieder etwas von seinem Mitstreiter gehört oder gelesen.
Als der Hochapparateur sein Konstrukt einschaltete, erklang aus dessen Innern nur ein leises, anhaltendes Summen. Nach einer Weile öffnete sich die Iris des Kameraauges, und die Maschine begann zu kalibrieren und zu fokussieren. Nachdem das Surren verstummt war, trat Trionitus näher und blickte in das Objektiv.
»Willkommen auf dieser Welt, mein Kind«, sprach er leise. »Ich habe dich geschaffen. Alles, was du wahrnimmst, wird dir fremd erscheinen oder dich sogar ängstigen. Doch sei dir gewiss, dass nur ich hier bin und dein Wohlergehen für mich oberste Priorität hat, bis du dich besser fühlst. Hier droht dir keine Gefahr. Du musst keine Angst haben.«
Die Maschine schwieg.
»Ich weiß, dass du mich verstehen kannst. Nimm dir die Zeit, deine Umgebung zu sondieren und deine Gedanken zu sammeln. Wenn du eine Frage an mich hast, stell sie mir.«
Aus der Maschine erklang ein leises Rattern, als die Dialogwalzen ihre Arbeit aufnahmen und die typografische Einheit der Mitteilung eine lesbare Form verlieh, dann glitt die Premierenbanderole aus dem auf ihrer Frontseite klaffenden Replikspalt. Aufgeregt riss Trionitus den Papierstreifen ab und studierte die ersten Worte seiner Schöpfung.
Auf der Banderole stand: Hoppe, hoppe, Reiter.
»Nun gut, das ist zumindest mal ein Anfang«, befand der Hochapparateur, nachdem er die Antwort auf ihren Sinngehalt geprüft und ihre Metaebene durchleuchtet hatte. Dann schritt er zu seinem Arbeitstisch und legte das Dokument in eine goldene Schatulle mit der Aufschrift Transcosmisches Heureka. »Aus welcher Konvergenz stammt das?«, wollte er wissen, nachdem er zu seinem Konstrukt zurückgekehrt war.
Erneut ratterte die Maschine und spuckte eine weitere Banderole aus. Darauf stand: Wenn er fällt, dann schreit er.
Trionitus kam ins Grübeln und begann nachdenklich Kreise um seine Schöpfung zu drehen. »Ich weiß zwar nicht wieso, aber aus irgendeinem Grund scheinst du mit einem Paralleluniversum in Kontakt zu stehen«, murmelte er dabei. »Irgendeine Komponente in dir erzeugt eine Quantenbrücke in ein anderes Kontinuum und sorgt für eine Kontamination mit exodimensionalen Informationen. Das ist per se nicht schlecht, aber im Sinne deiner Prädestination und deiner Wirkungsstätte kontraproduktiv.« Er griff sich einen Stuhl, setzte sich vor die Maschine und ließ den Blick über ihre Metallhülle wandern. »Ich fürchte, ich muss dich noch einmal zerlegen, um das Problem zu finden und werde dich danach wieder zusammenbauen. Es wäre sonst möglich, dass deine Navigation nicht zuverlässig funktioniert und dich in die Irre führt. Leider kann ich dich dafür nicht abschalten. Du wirst alles aktiv miterleben müssen.«
Eine weitere Banderole glitt aus dem Replikspalt.
Ich ein in mich ich sein?, las Trionitus das Gedruckte laut und betrachtete ein wenig ratlos die Maschine. »Wie meinst du das?«
Wer wie was wieso weshalb warum?, stand auf der vierten Banderole.
»Du willst deinen Existenzzweck erfahren?«
Eine fünfte Banderole. Der Hochapparateur hatte erwartet, ein Ja oder ein Nein zu lesen. Stattdessen stand darauf: Gib mir ein rotes Licht. Gib mir ein grünes Licht. Gib mir ein Zwischenlicht.
»Ein Zwischenlicht?«, las Trionitus laut ab.
Die sechste Banderole: Nicht ja. Nicht nein.
»Also vielleicht?«
Die Maschine blieb stumm.
Als der Abend dämmerte, hatte Trionitus der Große den Wunsch seines Konstrukts erfüllt. Die frontseitig installierten Lampen sahen nicht sehr hübsch aus und waren mehr Provisorium als Konstruktionskunst, doch sie erfüllten ihren Zweck.
»Nun denn«, sagte er und setzte sich mit einer heißen Tasse Hibiskustee vor seine Schöpfung. »Grünes Licht für ja, rotes für nein, gelbes für vielleicht oder nicht eindeutig zu beantworten«, erklärte er der Maschine. »Sollte Letzteres der Fall sein, werde ich meine Frage spezifizieren. Bist du bereit?«
Das grüne Licht leuchtete auf.
»Du möchtest also deine Prädestination erfahren«, griff der Apparateur ihre Nachricht vom Nachmittag wieder auf. »Den Zweck, zu dem ich dich geschaffen habe.«
Grünes Licht.
»Lass mich vorwegnehmen, dass du eine Auftragsarbeit bist und daher in keiner Weise meiner Intention entstammst. Du gehörst also nicht mir, sondern bist Eigentum des AIKA, des Amtes für interkontinuelle Angelegenheiten. Insofern steht es dir frei, auf meine Fragen zu antworten oder auch nicht. Hast du das verstanden?«
Grünes Licht.
»Ich werde dir nun drei Kontrollfragen stellen. Sie dienen dazu, ein Fundament zu schaffen, auf dem wir unser Gespräch weiter aufbauen können. Weder meine Fragen noch deine Antworten werden dieses Labor verlassen und an die Augen oder Ohren Dritter gelangen. Du kannst dich also frei mitteilen. Hast du das ebenfalls verstanden?«
Grünes Licht.
Trionitus ließ den Blick lange auf seinem Konstrukt ruhen. »Gut«, sagte er schließlich. »Die erste Frage: Wie fühlst du dich?«
Die Maschine ratterte, und eine Banderole glitt aus dem Replikspalt. Auf ihr stand: Ich habe Hunger.
»Worauf?«, fragte Trionitus.
Daraufhin leuchtete erstmals das gelbe Licht auf.
»Du weißt es nicht?«
Erneut das gelbe Licht, dann spuckte die Maschine eine weitere Banderole aus.
Das waren drei Fragen, las der Hochapparateur ab. Füttere mich! Er musterte die Maschine. »Für dein Alter bist du schon ganz schön gerissen«, lobte er sie.
FÜTTERE MICH, wiederholte die Maschine daraufhin in Großbuchstaben. Lass mich wachsen.
»Du bist eine Maschine«, erwiderte Trionitus. »Maschinen wachsen nicht.«
Hast du mich denn nicht nach deinem Bilde geschaffen?
»Aber nein. Ich habe dich gemäß deiner Prädestination konstruiert, den Wünschen des Amtes entsprechend.«
Dann hast du mich also nach dem Bilde des Amtes geschaffen?
»Der Amtsrat hat keine Form. Er besteht aus einer großen Gruppe von meinesgleichen.«
Es gibt viele von dir?, stand auf der nächsten Banderole.
»Es gibt viele von meiner Art, doch es sind Individuen. Alle sind verschieden. Sie teilen nur dieselben Interessen.«
Aber du allein bist mein Vater. Habe ich recht?
»Nun ja …« Eine ungewohnte Woge väterlicher Zuneigung erfüllte Trionitus. »In gewisser Weise.«
In der Maschine ratterte es erneut, doch diesmal spuckte sie nur einen kurzen Schnipsel aus, auf dem stand: Wenn du
»Ist alles in Ordnung?«, fragte der Apparateur besorgt.
Sein Gegenüber ließ ein gelbes Licht aufleuchten.
Trionitus trat heran ...
Was geschieht, wenn eine Maschine beginnt, nicht nur Antworten zu geben, sondern die richtigen Fragen zu stellen?
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Hinweis der Redaktion: Diese Novelle führt zurück zu den Ursprüngen einer der geheimnisvollsten Figuren aus Michael Marraks KANON-Universum. Sie basiert auf einer frühen Kurzgeschichte von Johannes Anders, die der Autor für KANON vollständig neu konzipiert und erweitert hat.
© Michael Marrak
Erstveröffentlichung für EXODUS 50.1 + 50.2
© Illustration von Michael Marrak
