Eine junge Handwerkerin. Ein Heiratsantrag. Eine Gesellschaft, die in den gewaltigen Kronen lebender Bäume ihre Heimat gefunden hat.
Als Suri Klammast dem sympathischen Aren Silberader begegnet, scheint ihr Weg vorgezeichnet. Doch unter der friedlichen Oberfläche ihrer Welt wirken Kräfte, die weit älter sind als beide Familien – und die mehr verlangen könnten als ein einfaches Ja.

Mit »Die Hochzeit der Suri Klammast« entführt Maria Orlovskaya ihre Leser in eine ungewöhnliche Zukunft zwischen Natur, Erinnerung und Tradition. Eine ebenso leise wie eindringliche Erzählung über Liebe, Zugehörigkeit und die Frage, was vom eigenen Ich bleiben darf. Kenner aktueller Belletristik werden darüber hinaus vielleicht eine kleine Hommage entdecken, die bereits im Titel verborgen liegt.

Lesen Sie eine exklusive Leseprobe aus EXODUS 50.2:

Die Hochzeit der Suri Klammast

von Maria Orlovskaya

Das Café lag eine halbe Windung unter dem Markt, ein Raum aus warmem Holz, in dem das Pilzlicht keine Schatten warf, nur milde Ränder. Suri rieb mit dem Daumen an einem Harzfleck, der nicht verschwinden wollte. Aren Silberader kreuzte pünktlich auf, sein Kragen ordentlich, sein Blick offen, als wolle er zum einen nichts verstecken und zum anderen alles richtig machen.
      »Du siehst müde aus«, sagte er.
      »Ehrlich gesagt bin ich’s auch.« Suri lächelte träge. »Heute gab’s zwei Platinen, die gekratzt haben. Und ein Junge hatte eine allergische Reaktion. Nach der Mittagspause hat meine Türmembran geklemmt. Ich konnte eine Stunde lang nicht rein.«
      Unterm Tisch fuhr sie mit den Fingern über ihr rechtes Handgelenk, wo ihre eigene Rindeplatine eingenistet lag. Ausnahmslos jeder bekam im Alter von vier oder fünf Jahren ein Stück Rinde eingepflanzt, das eine Essenz des Baumherzen enthielt. Ein Stück Baumherz mit Baumadern, die manchmal neu verlötet werden mussten. Suri tat tagein, tagaus nichts anderes, seit ihr Großvater gestorben war, und jemand die Platinenwerkstatt übernehmen musste. Es war eine wichtige, fast spirituelle Arbeit. Sie hatte zwar nicht direkt mit dem Baumherzen zu tun, doch das Neuverlöten der Platinen stellte einen gewissen Kontakt her.
      »Bei uns in der Baumkrone klemmen die Türen nicht.« In seiner Antwort lag kein Stolz, es war reiner Reflex. Er merkte es und zog die Augenbrauen zusammen. »Entschuldige.«
      »Schon gut.«
      Der Wirt stellte zwei Schalen auf den Tisch. Dünne Suppe, wie immer zu salzig. Suri pustete. Der Dampf roch nach Pilzen und einem Hauch feuchter Erde. Nebenan lachte jemand zu laut, das Holz antwortete mit einem tiefen, beinahe freundlichen Brummen.
      Viertes Date. Beide wussten, was das bedeutete. Selbst der Raum schien es zu wissen. Das Holz um sie herum hielt den Atem an.
      »Meine Tante hat gestern gefragt, ob du groß bist«, sagte Suri, um irgendetwas zu sagen. Sie biss sich auf die Lippe.
      »Was hast du geantwortet?«
      »Dass du ordentlich bist.«
      »Ist das ein Kompliment?«
      »Für meine Tante schon.«
      In Arens Nicken schwang Erleichterung mit. Er trank und verzog keine Miene über das überschüssige Salz.
      »Heute ist das vierte Mal«, entgegnete er schließlich.
      »Ich weiß.«
      »Ich habe einen Satz vorbereitet.« Er sah Suri nicht an, sondern das Harz, das aus einer offenen Stelle am Tisch austrat. Als würde dort auch der richtige Satz austreten.
      »In meinem Kopf klang er gut. Jetzt bin ich mir nicht mehr sicher …«
      Suris Herz klopfte schneller.
      »Sag ihn trotzdem.«
      Er holte Luft.
      »Ich will, dass das hier …, dass wir …« Er brach ab und schüttelte leicht den Kopf. Schließlich legte er die rechte Hand flach auf den Tisch.
      »Suri Klammast, ich möchte dich heiraten
      Das Wort lag sauber zwischen ihnen, gewichtig genug, um die Suppenlöffel zum Stillstand zu bringen. Suri hörte ihr eigenes Blut wie Wasser in einer entfernten Regenrinne rauschen. Sie dachte an ihre Werkbank, an den Riegel, der manchmal klemmte, an den Geruch ihrer Seife, an die Stille, die sie mochte, wenn die Werkstatt schlief. Darüber hinaus dachte sie an Arens Mutter, die sie noch nie richtig gesehen hatte, nur in der Tür, flüchtig. Eine Silhouette mit geschürzten Lippen.
      Suris Augen suchten Arens Blick. In ihnen lag ein Hauch von Erwartung, die sich Mühe gab, nicht zu drängen.
      »Du bist süß«, sagte sie, »und ich weiß, dass das unser letztes Date ist.«
      »Ich möchte dich nicht überfordern. Aber ob die Kupplerin ein fünftes Date zulässt, weiß ich nicht.«
      »Ich will kein fünftes Date … Ich will …«
      Suri legte den Löffel ab. Die Stille, die folgte, hatte Kanten. Auf dem Tisch standen zwei Wasserbecher aus Bernstein, an einem klebten Salzränder. Suri drehte ihn so, dass der Rand zu ihr zeigte.
      »Es gibt eine Art, es richtig zu machen«, erwiderte Aren, jetzt schneller, weil er Angst verspürte, den Takt zu verlieren, »Wir sagen Ja, damit die Familien sich treffen und wir ordnen, was zu ordnen ist.«
      »Ordnen«, wiederholte Suri, schmeckte das Wort auf ihrer Zunge. »Ich bin nicht sehr ordentlich.«
      Er lachte leise.
      »Deswegen mag ich dich so.« Er errötete. »Natürlich nicht allein deswegen …«
      Er griff in die Innentasche seiner Jacke und zog ein schmal geflochtenes Band aus jungen Ästen hervor. Es sah aus wie etwas, das man nebenbei flechtet, wenn die Hände beschäftigt werden müssen. Dessen ungeachtet wies es eine gewisse Kunstfertigkeit auf.
      »Es ist nichts Besonderes«, sagte er rasch. »Nur ein Zeichen für uns. Dich und mich. Bis die Alten ihre Zeichen setzen.«
      Suri nahm das Band. Es war noch warm von seiner Hand. Sie legte es nicht an, sondern drehte es zwischen den Fingern, bis die Fasern einmal leise knirschten. Aren schaute zu, ohne zu drängen.
      »Ich habe Angst«, gestand sie. Zum ersten Mal sprach sie das Wort aus, ohne sich dafür zu schämen.
      »Wovor?«
      »Vor der Vereinigung. Vor der Baumkrone. Vor allem.«
      Er verstand sie nicht sofort, das sah sie. Indes tat er auch nicht so, als verstünde er. »Ich kann dir nichts versprechen, außer dass ich dich nicht still machen will.«
      »Du nicht, aber … es kommt nicht oft vor, dass sich die Stände so weit unterscheiden. Und jedes Mal, wenn sich zwei Familien von oben und unten vermischen, werden alle Signale der unteren Familie während der Zeremonie ausgelöscht. Glattgemacht. Stillgemacht. Eine Platine wird von der anderen überschrieben. Es gibt viele Namen dafür.«
      »Nicht immer«, entgegnete der junge Mann leise.
Suri berührte ihr rechtes Handgelenk. Die Platine darin schien zu summen. Er war lieb. Nicht zu fordernd. Genauso, wie sie sich einen Ehemann vorstellte. Sie legte das Band auf den Tisch, genau in die Mitte.
      »Sollen sich unsere Familien kennenlernen?«, fragte sie vorsichtig.
      Das Holz um sie herum fing von Neuem an zu atmen.
      »Also sagst du … ja?«
      »Es ist ein Ja für den nächsten Schritt.« Sie suchte das Lächeln und fand es. »Und wenn deine Mutter fragt, ob ich klein bin, sagst du: Suri ist stur
      Er lachte, diesmal ohne Kontrolle, kurz und hell. Gleichzeitig erschrak er und verkniff es sich. Vermutlich spürte er, dass das Lachen nicht hierhergehörte.
 

Kann eine Liebe bestehen, wenn einer der beiden dafür alles aufgeben soll? 

... Lesen Sie weiter in EXODUS 50.2


© Maria Orlovskaya
Erstveröffentlichung für EXODUS 50.2
© Illustration von Frauke Berger