Was passiert, wenn ausgerechnet das Gerät, das unser gesamtes modernes Leben organisiert, plötzlich beschließt, dass wir nicht mehr »smart« genug sind? Volker Dornemann erzählt mit schwarzem Humor und einem gehörigen Schuss Zukunftspessimismus von einem ganz alltäglichen Missgeschick, das für seinen Protagonisten ungeahnte Folgen haben könnte.

 

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Being smart

 
 
»Ein Glas Wasser, bitte.«
      »Classic, medium oder still?«
      »Classic.«
      »XL, XXL, L, M oder S?«
      »M, bitte.«
      »Darf es noch etwas sein?«
      »Nein, danke. Nur das Wasser.«
      Der Kellner warf mir einen Blick zu, als hätte ich ein widerliches, eiterndes Ekzem mitten auf der Stirn.
      »Ein Mineralwasser, classic, M«, wiederholte er und machte auf dem Absatz kehrt.
      Ich hätte ja schon Lust auf einen kleinen Snack gehabt. Aber bei den Preisen … Das Wasser war gerade noch drin.
     Alles ist mal wieder teurer geworden. Aber das ist ja nichts Neues. Das geht schließlich schon seit Jahren so. Inzwischen haben die Preise jedoch ein Level erreicht (vor allem in der Gastronomie), das sich jenseits von Gut und Böse befindet.
     Ja, ich weiß, angeblich ist insgesamt nicht alles teurer geworden, sondern sogar billiger. Luxusyachten und Stretchlimousinen etwa sind so günstig wie lange nicht mehr. Hardware kriegst du für 'nen Appel und 'n Ei hinterhergeschmissen – was dann aber reinhaut, sind die Softwarelizenzen. Alles in allem gleicht sich dann natürlich aus, dass sich die Preise von Grundnahrungsmitteln und alltäglichen Gebrauchsartikeln mal wieder verdoppelt haben. Mathematik und Statistiken sind schon was Feines.
     »Ihr Classic, M, Sir«, sagte der Kellner, als er mein Getränk bereits wenige Minuten später vor mich auf den Tisch stellte. Am Service gab es immerhin nichts zu beanstanden. Was möglicherweise aber auch daran lag, dass außer mir gerade nur ein weiterer Gast zu bedienen, beziehungsweise dieser bereits mit dem Verzehr seiner Bestellung beschäftigt war.
     »Macht 25 Dollar.«
     Wow. Ich konnte mich noch erinnern, da hatte ein Glas Wasser in der Gastro nur 10 Dollar gekostet. Alte Dollar. Also quasi 5 New Dollar.
     Nein, ich bin keiner von diesen Früher-war-alles-besser-Jammerheinis.
     Trotzdem.
     Ich zückte und aktivierte meinen SmartPal, damit der Bursche die drahtlose Abbuchung von meinem Konto vornehmen konnte.
     »Sir?«
     »Ja?«
     »Ich kann den Betrag nicht abbuchen.«
     »Was? Das kann nicht sein.«
      Ich wusste schließlich, dass mein Konto definitiv gedeckt war.
      »Ist aber so.«
      Wieder der Anwidernde-Pickel-Blick.
      »Moment«, sagte ich. »Ich schaue mal eben nach.«
      Ich schaute nach. 
      Hm, mit meinem Kontostand war alles in Ordnung.
      »Das Geld steht zur Verfügung«, sagte ich. »Vielleicht ein technisches Problem?«
      Der Kellner schüttelte den Kopf. »Mit meinem Pad ist alles in Ordnung«, sagte er.
      »Moment«, wiederholte ich. Und checkte meinen SmartPal hinsichtlich des Problems.
      Da. Gefunden. Es war die App, die den Echtzeit-Geldtransfer regelte. Ich hatte versäumt, sie zu updaten.
      Ja, Herrgott, ich nehme Updates, wenn irgend möglich, lieber manuell selbst vor. Habe einen Automatic-Update-Blocker installiert, weil manche der automatischen Updates von Programmen einfach wirklich nur nerven und größtenteils hinsichtlich der Funktionalität überflüssig sind. Oder alles sogar verschlimmbessern.
      Der Blocker ist nicht unbedingt, hm, zu hundert Prozent legal. Beziehungsweise seine Verwendung von den Companys nicht eben erwünscht.
     »Einen Augenblick«, sagte ich zum Kellner, dessen Blick mir verriet, dass aus dem imaginierten Ekzem mittlerweile ein dromedarhöckergroßer Auswuchs geworden war, der Eiter spie wie der Vesuv Lava zu Zeiten des Untergangs von Pompeji.
      Ich wischte auf dem Touchscreen meines Pals herum, bemüht, die App nachträglich zu aktualisieren …
      »Eine Aktualisierung ist auf diesem Wege nicht möglich«, gab mein Pal sowohl für mich als auch für den Gastronomiebediensteten deutlich hörbar und mit wohlklingender KI-Stimme wieder. »Bitte versuchen Sie es erneut.«
      Shit. Blockmaster.to war bislang eigentlich immer zuverlässig gewesen, was Interaktionen mit Company-Software betraf. Hatte man die Jungs möglicherweise inzwischen hopsgenommen?
      Ich versuchte es trotzdem noch einmal. Was hätte ich auch anderes tun können? Aber es klappte auch beim zweiten Versuch nicht.

      Double-Shit ...

 

Was passiert, wenn ein kleiner technischer Fehler plötzlich das gesamte »smarte« Leben aus den Angeln hebt?

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© Volker Dornemann
Erstveröffentlichung für EXODUS 50.2
© Illustration von Detlef Klewer