Ein alter Mann und ein ausrangierter Roboter teilen sich den Alltag in einer Welt, die für beide längst schneller geworden ist, als sie Schritt halten können.

Zwischen Schachpartien, kleinen Ritualen und den Erinnerungen eines langen gemeinsamen Lebens ist eine ungewöhnliche Freundschaft entstanden. Eine Verbindung, die weit über das hinausgeht, wofür Maschinen ursprünglich geschaffen wurden.

Doch was bleibt von Fürsorge, Loyalität und Menschlichkeit, wenn plötzlich nichts mehr so ist wie zuvor?


Lesen Sie eine exklusive Leseprobe aus EXODUS 50.1:

Mein alter Herr

von Uwe Hermann

Letzte Nacht starb mein alter Herr.
      Als ich ihn heute Morgen wecken wollte, lag er regungslos in seinem Bett. Zuerst dachte ich, er erlaubte sich wieder einen seiner Späße mit mir. Das tat er gerne – mir, dem naiven Roboter, einen Streich zu spielen. Einmal war er noch vor dem Wecken aufgestanden, hatte das Fenster geöffnet und sich in seinem Kleiderschrank versteckt. Als ich in das verlassene Schlafzimmer kam, nahm ich an, er hätte wieder einen seiner Demenzschübe und irrte orientierungslos umher. Dass er nicht aus dem Fenster geklettert sein konnte, wusste ich sofort. Mit seinen einhundertelf Jahren war ihm das längst nicht mehr möglich. Ich suchte das ganze Haus nach ihm ab. Gerade, als ich hinaus in den Garten gehen wollte, hörte ich sein leises Kichern. Als ich ihn im Schlafzimmerschrank entdeckte, lachte er, bis ihm die Tränen über das Gesicht liefen. Ich besaß einen Emotionschip, der es mir erlaubte, Gefühle zu simulieren, und lachte mit. Ja, mein alter Herr trieb gerne seine Späßchen mit mir. Doch nicht dieses Mal. Dieses Mal war es kein Spaß. Dieses Mal war es ernst!
      Immer wieder hob ich seinen Arm, ließ ihn los, und jedes Mal fiel er kraftlos zurück auf die Bettdecke. Es gab keinen Zweifel: Mein alter Herr war tot.
      Trauer flutete meinen Körper, wie ich sie noch nie erlebt hatte. Sie war wie eine tiefe, vollkommene Schwärze, die jede andere Programmierung überdeckte. Ich glaubte zu fallen. Tiefer und immer tiefer, als wäre mit meinem alten Herrn auch der Boden unter meinen Füßen verschwunden. Fehlfunktionen legten Teile meines Sicherheitsprotokolls lahm. Ohne es zu bemerken, schlug ich auf den Nachtschrank ein, fegte Tabletten, ein leeres Wasserglas und die Brille, die schon lange zu schwach für seine alten Augen gewesen war, zu Boden. Immer wieder ließ ich meinen Arm nach unten schnellen. Holz splitterte unter dem Aufprall. Das Geräusch meiner Schläge hallte von den Wänden wider wie ein nicht endendes Echo.
      »Warum hast du mir das angetan?«, fragte ich pausenlos.
      Der Emotionschip, den man uns Robotern eingesetzt hatte, um die Bindung zu unserem Besitzer zu verstärken, war Segen und Fluch zugleich. Er simulierte Freude, Zuneigung und Begeisterung, sorgte dafür, dass wir ein Verantwortungsbewusstsein entwickelten, aber wir erfuhren auch Trauer, Angst und Schmerz. Und nun lernte ich eine weitere Emotion kennen: Verlust.
      Immer wieder ertönte der dumpfe Knall, wenn meine Faust auf das Holz traf. Schließlich meldete der Motor in meinem Schultergelenk eine Überhitzung und ich stoppte mein Zerstörungswerk. In der Oberfläche des Nachtschranks klaffte ein breites Loch. Auf dem Boden lagen die Scherben des zersplitterten Wasserglases, daneben ein halbes Dutzend verschiedenfarbiger Tabletten und die Reste der Plastikschachtel, in der mein alter Herr sie aufbewahrt hatte.
      Wir Roboter haben kein Gefühl für die Zeit. Wir nehmen sie als eine undefinierte Größe wahr, als ein Addieren von Sekunden, Minuten und Stunden. Sie ist für uns ein sich laufend verändernder Wert. Dieser Wert summierte sich enorm, bis mein Emotionschip sich beruhigte. Dann fragte ich mich, was ich tun sollte. Ich war nicht wirklich ein Haushaltsroboter mit einer entsprechenden Programmierung, der auf so etwas vorbereitet war. Ich hatte früher in einer Werkshalle Ölfässer gestapelt und Maschinenteile entladen, bis die Kraft der Servos in meinen Gelenken nachließ und man mich verschrottet hatte. Es war für meinen Besitzer günstiger, mich abzuschreiben, als die Ersatzteile zu kaufen. So landete ich im Recycling-Center, wo ich zusammen mit unzähligen anderen Robotern in meine Bestandteile zerlegt werden sollte. Dort fand mich der Sohn meines alten Herrn und brachte mich zu seinem Vater.
      Der Sohn!
      Ich musste den Sohn informieren. Er würde wissen, was zu tun war ...

Und was bleibt zurück, wenn ein langes gemeinsames Leben plötzlich endet?

... Lesen Sie weiter in EXODUS 50.1


Hinweis der Redaktion:

Uwe Hermanns Kurzgeschichte Mein alter Herr knüpft thematisch an seine Erzählung Die End-of-Life-Schaltung (EXODUS 46) an, die 2024 mit dem Kurd-Laßwitz-Preis als beste deutschsprachige SF-Kurzgeschichte ausgezeichnet wurde und auch beim Deutschen Science-Fiction-Preis zu den Erstplatzierten gehörte. Beide Texte sind jedoch unabhängig voneinander lesbar. EXODUS 46 ist derzeit noch lieferbar.


© Uwe Hermann
Erstveröffentlichung für EXODUS 50.1
© Illustration von Dirk Berger