Eine Interviewreihe zum Abschied, Teil 1
Mit der Jubiläumsausgabe EXODUS 50 endet nach mehr als fünf Jahrzehnten die Geschichte unseres Magazins. Aus diesem Anlass hat unser Redaktionsmitglied Dieter Korger in spontanen Telefoninterviews mit einigen Beteiligten über Science Fiction, die Entwicklung des Magazins, persönliche Erinnerungen und die Zukunft des Genres gesprochen.
In den kommenden Wochen veröffentlichen wir diese Gespräche in loser Folge – als persönliche Einblicke hinter die Kulissen von EXODUS 50 und als Ergänzung zu unseren aktuellen Leseproben.
Den Auftakt macht ein Gespräch mit Herausgeber René Moreau über die Rolle der Science Fiction als Spiegel ihrer Zeit, über Zukunftsvisionen, die Entstehung von EXODUS 50 und darüber, was nach dem Ende des Magazins bleibt.
Wir wünschen viel Freude beim Lesen!
Abschiedsinterview mit René Moreau:
»Die Science Fiction ist immer ein Spiegel ihrer Zeit«
René, wenn Du an den Begriff »Zukunft« denkst: Assoziierst Du damit eher eine optimistische Sicht, wie die Menschen ihre Zivilisation gestalten werden, oder eine pessimistische Sicht?
Inzwischen habe ich eine pessimistische Weltsicht entwickelt. Das hat mit den heutigen Krisen und Kriegen zu tun. Hinzu kommt die Klimaentwicklung. Und natürlich das Thema KI, in dem zwar auch viele gute Seiten stecken. Doch ich fürchte, dass wir damit die Probleme dieser Welt nicht lösen werden.
Schon damals, während des Kalten Krieges, waren meine Frau und ich nicht bereit, ein Kind in diese Welt zu setzen, sondern lieber eines zu adoptieren. Während der Perestroika-Phase dachten wir zwischenzeitlich: Ok, vielleicht haben sie es endlich begriffen. Aber die Lage ist derweil so verfahren, dass ich pessimistisch in die Zukunft schaue und nur hoffe, dass ich falsch liege.
Deine Sichtweise scheint mir die mehrheitliche Grundhaltung der deutschen Science-Fiction widerzuspiegeln. Allein die Jubiläumsausgabe von EXODUS enthält eine ganze Reihe dystopischer Prognosen. Entspricht das der Erwartungshaltung der Leser?
Na ja, die Science-Fiction war immer ein Warn-Genre. Der Tenor dieser Literaturgattung ist also eher negativ aufgeladen, vielleicht zu 90 Prozent.
Ich erinnere mich, dass wir im Zuge der EXODUS-Themenbände mal vorhatten, einen zu kreieren, der so ungefähr ›Die goldene Zukunft der Menschheit‹ heißen sollte. Wir machten eine Ausschreibung und fragten nach positiven Weltsichten. Ich glaube, es kamen nicht mehr als zwei, drei Texte. Da haben wir das Thema fallengelassen und haben die Beiträge, die ja wirklich gut waren, im regulären Magazin untergebracht.
Zusatzfrage an den Belgier in dir: Ist das eine typisch deutsche Eigenart? Wie sieht das im franko-belgischen Sprachraum aus?
(Lacht.) Also, ich weiß, dass die Franzosen und Belgier in der Hinsicht durchaus entspannter sind als wir. Und ich glaube, wenn ich auf einer wunderschönen Karibikinsel geboren worden wäre und da noch leben würde, würde ich mir definitiv weniger pessimistische Gedanken über den Zustand der Welt machen als hier.
Die Deutschen neigen meiner Meinung nach sowieso dazu, ihr Leben in all seinen Facetten möglichst im Voraus zu versichern und sich Zukunftsgarantien zu kaufen. Ich denke also, die jeweilige Grundeinstellung hat gewiss etwas mit dem eigenen Lebensmittelpunkt zu tun.
Was sollte aus deiner Sicht die Science-Fiction-Literatur in den nächsten Jahren leisten, um als relevante Literaturgattung wahrgenommen zu werden?
Sie wird mit ziemlicher Sicherheit nichts anderes leisten, als was sie bisher leistet: vor Problemen warnen, Optionen durchspielen. Damals waren das Themen wie etwa die Kernspaltung, die man ja für gute und für schlechte Zwecke einsetzen kann. Heute ist das Thema Nummer Eins: künstliche Intelligenz.
Die Funktion der Science-Fiction wird somit stets identisch bleiben. Sie ist immer ein Spiegel ihrer Zeit. Eine andere Funktion wird sie nicht erringen.
Manche Sozialwissenschaftler haben die Science-Fiction inzwischen als Inspirationsquelle entdeckt. Nicht, um ihrerseits zu warnen, sondern um nach Auswegen zu suchen. Was denkst du über solche Kooperationen?
Solche Kooperationen gibt es schon länger. In den USA hat die Politik früher jedes Jahr berühmte Science-Fiction-Autoren zusammengebracht und mit denen diskutiert: Was ist in den nächsten Jahren realisierbar? Wovor müssen wir uns in Acht nehmen?
Ich bin überzeugt, dass auch hierzulande die Science-Fiction ihre Funktion ausspielen kann und an den richtigen Stellen endlich ernster genommen wird. Wir sind da auf dem richtigen Weg.
Da Exodus nun Geschichte ist: Wo werden wir dich persönlich in der Zukunft der Science-Fiction wiedertreffen? Schlummern bei dir noch irgendwelche Ideen oder war’s das für dich?
(Lacht.) Das ist eine gemeine Frage! Auf jeden Fall mach ich Pause von all der Pflichtlektüre, die sich in den letzten Jahren stets aufs Neue angesammelt hat. Raus aus diesem Hamsterrad ›Nach der Ausgabe ist vor der nächsten Ausgabe‹! Ich will endlich das goutieren, was sich seit Jahren auf meinem persönlichen Lesestapel angesammelt hat. ›Cozmic‹ werde ich nebenher weitermachen, solange der Verlag mitspielt.
Ansonsten … wenn’s mich langweilt, kann ich nicht ausschließen, vielleicht irgendwann mal ein Anthologie-Projekt in Angriff zu nehmen. Doch jetzt ist erst mal Pause.
