Wie fühlt es sich an, wenn andere Menschen durch deine Augen die Welt bereisen? Ralph Würschinger entwirft mit Ride ’n’ Mount eine ebenso faszinierende wie beklemmende Zukunftsvision, in der virtuelle Reisen zum Alltag gehören – und Menschen zu bloßen Trägern fremder Blicke werden. Doch hinter dem vermeintlich harmlosen Geschäftsmodell lauern Abhängigkeit, Ausbeutung und Entscheidungen, die niemand freiwillig treffen möchte.
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Ride ’n’ Mount
»… und heute befinden sich in der al-Mustansiriyya-Madrasa Räumlichkeiten der Universität.«
Parsa spazierte durch den mittelalterlichen Innenhof. In der Bagdader Mittagssonne verbargen sich viele Studenten in den Schatten der alle Seiten umrundenden Arkaden. Ockerfarbene geometrische Ornamente umrahmten die Sandsteinbögen. Nur wenige Leute hielten sich in der brütenden Sonne auf. Sie strichen die Fassaden entlang, gestikulierten und schienen mit sich selbst zu sprechen. Manche hielten Handys hoch oder trugen kleine Kameras auf ihrer Stirn. Ein Wachmann beäugte sie miss-trauisch. Auf Parsas Retina-Display erschien eine Frage.
#Können wir da reingehen?#
Parsa beschleunigte seinen Schritt, verließ durch einen Torbogen das Gelände. »Heute geht es nicht. Gerne ein anderes Mal«, antwortete er und kassierte dabei fragende Blicke vorbeiziehender Studenten. Von seinem Gewinn zwackte die Plattform Ride ’n’ Mount seit Neuestem einen größeren Anteil ab. Für Parsa bedeutete das, er musste mehr Kunden bedienen und sich anderweitig etwas dazuverdienen. Die in Echtzeit übersetzte und transkribierte Antwort war für seinen Rider aus England bestimmt, ein Nutzer namens Cookie74, für den er über Retina-Cam und binaurale Earmics streamte. Die Implan-tate dafür hatte er erst seit Kurzem. Sie machten die Touren deulich entspannter. Vor allem: Sie verschafften ihm einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den Mounts erster Generation. Der Kredit für diese Investition brachte ihn aber jeden Monat näher an die Grenzen des Machbaren.
Parsa bog in eine schmale Gasse ein. Ein älterer Mann zerteilte vor seiner Tür einen Hammel. Das abgeschabte Fell lag in einem Korb. Blut rann in die Mitte der Gasse. Eine Frau knetete einen Teig. Kinder liefen aus dem Haus und an Parsa vorbei.
#disgusting#, kommentierte der Nutzer, während Parsa zielstrebig in die nächste Gasse einbog.
Prompt folgte: #weniger Kameraschwenks#
Vor ihnen bildeten Wände von Taschen, geflochtenen Körben und weiten Gewändern das Portal in einen der vielen Souks der Stadt.
Parsa steuerte in einen Laden voller Zinnobjekte. Kannen, Tassen, Lampenschirme, Dekorationen. Die Ware stand auf dem Boden, in Regalen und hing von der Decke.
#ich möchte weitergehen#
Parsa ignorierte die Nachricht und näherte sich der Ladentheke. Der Mann dahinter richtete sich auf und strich sich seinen drahtigen Bart zurecht.
»Salam Aleikum!«
»Aleikum Salam«, erwiderte Parsa den Gruß.
Der Verkäufer umrundete den Tisch, nahm Parsa am Arm und stierte mit eingespieltem Grinsen auf den blinkenden roten Punkt in Parsas Iris.
»Wie wäre es mit einem ganz besonderen Souvenir für den Ehemann, die Frau oder die Kinder?«
#Ich möchte nichts kaufen. Verlass den Laden!#, erschien auf dem Display.
Parsa versuchte sich aus dem Griff des Mannes zu befreien.
»Für echte Sammler habe ich antike Münzen aus Assur. Falls Sie sich aber lieber für den Krieg interessieren, habe ich vor Kurzem silberne Anstecknadeln reinbekommen. Die haben unsere Soldaten für ihren Heldenmut erhalten. Los geht’s da bei 200.000 Rial. Bekommen Sie nirgendwo günstiger. Das verspreche ich.« Der Mann machte Anstalten, Parsa durch den Laden zu ziehen.
#Ich klink mich aus#
»Wir sind gleich draußen«, versprach Parsa. Als sein Text übermittelt wurde, erhielt er die automatische Nachricht, dass der Nutzer den Mount verlassen hat.
»Yusuf, so geht das nicht!« Parsa riss sich los und herrschte den Verkäufer an. »Wenn ich Pech habe, bekomme ich wegen dir eine schlechte Bewertung.«
Verdutzt sah ihm Yusuf in die Augen, bemerkte, dass das rote Licht erloschen war und ging sofort zum Gegenangriff über.
»Warum hast du mich nicht mein Sortiment zeigen lassen? Wir haben einen Deal, hast du vergessen? Für jeden Verkauf an einen Rider erlasse ich dir einen Teil deiner Schulden.«
»Der Typ wollte nichts kaufen.«
»Weil du so ein schlechter Geschäftsmann bist, mein Junge. Das nächste Mal nimmst du direkt etwas in die Hand und drehst es im Licht. Nicht der Rider gibt die Richtung vor, sondern der Mount. Sei kein dummer Esel!«
Yusuf lachte. »Esel. Mount – verstehst du?«
Parsa ging nicht darauf ein. Er zuckte mit einem Finger und scrollte so durch die App, um zu sehen, wie viel Geld ihm der Nutzer eingebracht hat.
»Billah! Der Rider hat sich beschwert. Jetzt bekomm ich gar nichts.«
Yusuf langte in seine Hosentasche und holte einen Geldschein hervor.
»Ich bin einfach zu gutmütig«, seufzte der Händler.
Parsa pflückte den Schein aus der Hand und wandte sich zum Gehen.
»Bring deine Schwester mal mit. Mein Hossein und deine Afareen würden ein schönes Paar ...« Bevor er den Satz beendet hatte, war Parsa schon im Ausgang verschwunden ...
Wie lange bleibt ein Mensch Herr über sein eigenes Leben, wenn andere bereits durch seine Augen sehen?
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© Ralph Würschinger
Erstveröffentlichung für EXODUS 50.2
© Illustration von Michael Vogt
