Eine Interviewreihe zum Abschied, Teil 2

Nach dem Auftakt mit René Moreau setzen wir unsere Interviewreihe zum Abschied von EXODUS fort. Hans Jürgen Kugler spricht über Science Fiction als Seismograph gesellschaftlicher Entwicklungen, über Roboter, Künstliche Intelligenz und die großen Fragen hinter der Technik. Warum er dabei zu der provozierenden These gelangt, wir könnten eines Tages erneut in einer »Sklavenhaltergesellschaft« leben, erfahren Sie im vollständigen Interview.

Abschiedsinterview mit Hans Jürgen Kugler:


»Die Frage wird kommen, wann wir wieder eine Sklavenhaltergesellschaft haben«


Hans-Jürgen, wenn du dich an ältere EXODUS-Storys erinnerst: Gab es da Geschichten, die ihrer Zeit weit voraus waren und heute Realität sind?

Schwierige Frage. An eine von Uwe Hermann kann ich mich spontan erinnern. Da ging es um ein autonomes Auto, das seinen Fahrer entführt. Der Mann kann nicht aussteigen, nicht um Hilfe rufen. So weit ist der Tesla zwar nicht, aber so was ist schon echt realistisch. Und es war großartig erzählt.

Ist das eigentlich ein Anspruch, den die SF-Literatur generell haben sollte, oder reicht einfaches Vor-sich-her-Spinnen von Abenteuern in imaginären Welten?

Na ja, der hohe Anspruch hinkt der Gegenwart zuweilen hinterher. Bis so manche Idee gedruckt ist, kann sie schon überkommen sein. Wenn ich andererseits ans Internet denke: Das hat man in den 70er Jahren noch nicht erahnt.

Und gegen Abenteuergeschichten gibt es nichts einzuwenden. Sofern sie nicht beim Abenteuer allein stehenbleiben, sondern die menschlichen und gesellschaftlichen Gegebenheiten und Konflikte mit abhandeln. ›Star Trek‹ ist da ein bekanntes Beispiel, wenn man etwa an den Androiden Data denkt, der so gerne ein Mensch werden möchte.

Lass uns hier noch was tiefer gehen: Wie wichtig sind deiner Meinung nach philosophische Fragen in der Science-Fiction? Wie etwa die nach dem Ursprung allen Seins, nach Gott oder wie wohl eine Ameise die Welt um sich herum begreifen mag.

(Lacht.) Verstehe! Nun, Philosophie muss nicht immer drin sein. Doch wenn man sich um diese Fragen bemüht, sollte das einigermaßen nachvollziehbar beschrieben sein. Wenn das in Fantasy abgleitet, in verbrämte Religion oder Esoterik, so mit wiederaufgewärmten Geschichten von christlicher Erlösung, dann finde ich das leicht durchschaubar.

Gut gelöst hat das zum Beispiel Stanisław Lem, der in Bezug auf Roboter zu dem Schluss kam: Wenn diese immer menschlicher werden, müsste man ihnen konsequenterweise irgendwann die Menschenwürde zuerkennen. Aber sie wären dann auch strafmündig. Die Geschichte, die ich dazu im Hinterkopf habe, ist die von einem Rennfahrer, der ständig verunglückt und neue Körperersatzteile braucht, bis er praktisch nur noch aus mechanischen Ersatzteilen besteht und vor Gericht sein Menschsein verteidigen muss.

Du meinst die Story ›Gibt es Sie, Mr. Johns?‹.

Genau, das ist eine gut vierzig Jahre alte Geschichte, die ganz direkt die menschliche Sphäre berührt und weiterdenkt. Heute haben wir Smartphones und Haushaltsroboter, die irgendwann mal smarter als ihre Benutzer sein werden.

Das heißt, die Grenzfragen werden heute eher in Richtung KI und Robotik projiziert.

Ja, da wird bald die Frage kommen, wann wir wieder eine Sklavenhaltergesellschaft haben. Werden wir die Roboter als Leibeigene nutzen oder sie uns im Umkehrschluss beherrschen? Ich finde, da lässt sich noch reichlich Stoff draus entwickeln.

Ich höre immer wieder in der SF-Szene: Wir haben zwar viele Autorinnen und Autoren. Aber zu wenig Leser. Deckt sich das mit deinen Beobachtungen?

Den Eindruck habe ich ebenfalls. Man sieht das gut an der Tatsache, dass für die großen Verlage Science-Fiction absolutes No-Go ist. Originärer SF-Stoff wird dann bestenfalls als Thriller verkauft. Ich denke, die Deutschen haben mit dem Genre ein Problem. Es gilt nicht als Hochliteratur. In den angelsächsischen Ländern ist Science-Fiction dagegen ein anerkanntes, gleichwertiges Genre.

Da EXODUS nun in den Ruhestand tritt, gilt das auch für dich persönlich?

Ich bin schon länger im beruflichen Ruhestand! Was das Hobby betrifft … ich habe gerade meinen Roman ›Stille Erde‹ fertiggestellt. Als Herausgeber habe ich jetzt keine konkreten Pläne. Mal schauen.

Gut, dann schalte ich das Tonband ab …

Nein, lass es weiterlaufen, denn ich würde jetzt gern den Spieß umdrehen und dich interviewen.

Na gut, einverstanden.


Die Fragen stellte Dieter Korger.

Das Interview mit ihm, geführt von Hans Jürgen Kugler, folgt an dieser Stelle am 14. August 2026.