Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Vielleicht ist Literatur so überhaupt erst entstanden: An Lagerfeuern erzählte Erlebnisse von Reisenden aus fremden Ländern mit anderen Kulturen und Gebräuchen, zuerst nur mündlich überliefert und schließlich auf einer beschreibbaren Unterlage festgehalten. Noch heute deckt die Reiseliteratur einen Großteil des Buchmarktes ab.

Warum sollte es also in der Zukunft anders sein? »Von fernen und anderen Reisen« lautet der Untertitel einer neuen Ausgabe von EXODUS, die den hier schon hochgelobten Vorgängerausgaben in nichts nachsteht.
Dem Rezensenten bleibt in diesem Fall nur, Eulen nach Athen zu tragen (auch eine schöne Reise, aber kein Beitrag zum Schuldenabbau....). Habe ich am Ende der Besprechung von EXODUS 27 noch geklagt, dass der Zeitraum bis zum Erscheinen der nächsten Ausgabe viel zu lang wäre, zeigt sich nun, wie relativ Zeit und Raum doch sind. Und um Reisen durch Raum wie auch Zeit geht es in EXODUS 28.

Und es geht rasant los. Helmuth W. Mommers präsentiert zum Auftakt mit »Goodbye James« eine sprintstarke Agentengeschichte, die ganz harmlos und mit einer alltäglichen Situation beginnt. Handelsreisender Rudi Gerngross (sic!) gelangt aus Versehen bei der Gepäckrückgabe am Flughafen an einen fremden Koffer, der es in sich hat. Er enthält hochmoderne Waffen, u. a. eine sprechende Kamera, die ganz andere Funktionen ausführt, als nur Bilder zu schießen. Wider Erwarten geht die Geschichte für Rudi Gerngross sogar verhältnismäßig glimpflich aus. Denn natürlich bleibt die Verwechslung nicht unbemerkt und Rudis Ausflug in die Welt der Geheimagenten endet kurz nachdem sie begonnen hat. Helmuth W. Mommers ist eine mit sehr viel Tempo und Ironie erzählte Geschichte gelungen, die Sinn für skurrile Situationen hat. Ein gelungener Auftakt der Reisegeschichten, auch wenn die Entfernungen überschaubar sind.

Bernard Craw lässt seine Helden die unermesslichen Weiten des Universums durchmessen. Sie sitzen in einem Generationenraumschiff auf der Suche nach einer bewohnbaren Welt. Im Grunde geht es aber darum, wie sehr Gewohnheiten die Gefahr in sich bergen, das ganze Leben zu bestimmen. Denn nicht alle Mannschaftsmitglieder wollen das bequeme Leben an Bord mit einem harten Pionierdasein auf einem jungfräulichen Planeten tauschen. Erst nach einer Meuterei erkennt der Kapitän, warum die Crew nie einen bewohnbaren Planeten findet. Eine stimmige, spannende Geschichte, die auch durch persönliche Konflikte an Gewicht gewinnt.

Reisende gelangen nicht immer an ihr Ziel. Manchmal stranden sie auch, vergessen das Weiterreisen oder es fehlen ihnen schlicht die Mittel, um den Weg fortzusetzen. Um eine Kombination dieser Ursachen handelt es sich in Matthias Falkes »Die Geschichte der MORNING DOVE«. Notgelandet auf einem Felsplaneten ohne Atmosphäre sucht das einzige Besatzungsmitglied des Schiffes einen ungewöhnlichen Weg aus der Misere. Er klont sich selbst, sorgt allerdings dafür, dass sein Klon eine Frau wird. Alles weitere kann man sich denken. Matthias Falke ist eine ungewöhnlich berührende und dichte Geschichte gelungen, bei der allein das Ende etwas willkürlich erscheint und nicht komplett überzeugen kann. Der plötzliche ethische Konflikt der Hauptperson über sein Handeln, der ihn zur Flucht in die Tiefschlafkapsel veranlasst, wirkt etwas unglaubwürdig und scheint eher darin begründet, der Geschichte noch einen Konflikt und eine unerwartete Wendung zu geben.

Nicht der unermesslichen Weite des Weltraums, sondern der Vielfalt des Multiversums, verdankt Antje Ippensens Heldin mit dem schönen Namen Yarissa Tekk eine eher unerfreuliche Erfahrung. Sie landet mittels »Legendenstrom« in einer Welt, die durch und durch korrupt, geldgierig und triebhaft gesteuert ist. So zeigen zum Beispiel farbige Armbänder an, welche sexuelle Orientierung ein Mensch hat. Mir fehlte bei der Geschichte ein wenig das Ziel. Yarissa gerät in eine Verschwörung, wird in ein Attentat hineingezogen und versteht sich plötzlich mit ihrem Alter Ego aus der Parallelwelt sehr gut. Es eine etwas gewollte aber sehr sympathisch erzählte Geschichte, die am Ende noch mit einer Überraschung aufwartet.

Rolf Krohn führt uns zurück in die Geschichte und schildert die Erlebnisse eines römischen Offiziers, der auf einer Seereise eine ungewöhnliche Entdeckung macht und bei einem Ausflug auf ein Schiff ohne Masten und Besatzung ein geheimnisvolles Gerät erbeutet. Nun versucht er sein Leben lang, das Geheimnis zu ergründen. Die Geschichte ist etwas langatmig und »altbacken« erzählt, hat aber auch ihre Feinheiten zu bieten. Der Autor berücksichtigt zum Beispiel, dass die Römer noch keine arabischen zahlen kannten und eine »5« dem Helden daher wie ein verunglücktes »S« vorkommt: »der obere Bogen war eckig, der andere rund...«.

Mit der Geschichte »Venezia muore« von Wolf Welling bin ich nicht ganz warm geworden. »Venedig sehen und sterben« ist eine stehende Redewendung, an die sich auch der Protagonist erinnert. Nur ist der Meeresspiegel mittlerweile um zwei Meter gestiegen und Venedig eine überflutete Stadt, in die sich der Held zum Sterben zurückgezogen hat. Dort trifft er auch eine Bekannte, wird von ihr in eine Vision hineingezogen und auf gewisse Weise geläutert. Die Story wirkt sehr überfrachtet, das narrative Element steht stark im Vordergrund. Trotzdem bleibt die Person des Ich-Erzählers unnahbar und dem Leser fern. Eine zweite Ebene enthält die Geschichte allerdings durch einige wenige in Klammern gesetzte Bemerkungen, die eine Geschichte hinter der Geschichte andeuten - die man aber, da die Hintergrundgeschichte nicht weiter ausgeführt wird - als reine Spielerei ansehen kann. »Lothar Bauer ist ein gern veröffentlichter Künstler« schreibt Michael Haitel aus eigener Erfahrung über den saarländischen Grafiker. Er greift selber gerne auf Lothar Bauers Bilder zurück und bezeichnet ihn gerade nicht als Ausnahmekünstler, aber als mutigen, experimentierfreudigen Kreativen, den man sich merken sollte. Nun gut, das dürfte nicht schwer fallen, sind Lothar Bauers Bilder doch in vielen Magazinen und Fanzines zu finden. Nicht alle Bilder der Galerie konnten mich für sich vereinnahmen. Bauer arbeitet sowohl traditionell mit Tusche und Stift als auch mit Software. Einigen Bildern sieht man das an. Aber »Robotwalk« gefiel mir, weil die beiden Wesen trotz ihrer metallenen Hülle so verletzlich und schutzbedürftig aussehen. Auch in die Charakterstudie eines »Alienlords« kann man sich verlieren und dabei die ironische Härte und den selbstbewussten, aber auch wehmütigen Ausdruck des Gesichtes zu deuten versuchen, hinter dem sich eine ganze Geschichte zu verbergen scheint. »City X« ist dagegen düster und starr, beliebig wie der Titel, ebenso »Fire in der Air«, das vielleicht an 9/11 erinnern soll, aber in der Ausstrahlung eher einer technischen Zeichnung ähnelt. Menschen haben kaum einen Platz in den Bildern der Galerie. und wenn doch, dann als verzerrte oder sich auflösende Wesen wie z. B. in dem metaphysisch angehauchten »My Thoughts disappear on Account of the unattainableness of Truth«.

Gundula Sell liefert mit »Der Grünspan« die längste Geschichte in dieser Ausgabe ab. Es ist eine Zeitreisegeschichte mit Anlauf. Sie spielt in dem fiktiven Land Orsinien. Der Name erinnert an eine Schöpfung ursula LeGuins, die Ähnlichkeit ist aber wohl zufällig. Parallelen finden sich jedenfalls nicht. Die Geschichte handelt von einer kleinen verschworenen Gemeinschaft von Forschungsassistenten, die einen vom totalitären Regime in früheren Jahrzehnten gejagten und ermordeten Dissidenten in die Zukunft holen wollen, um ihm zu zeigen, dass sein Wirken nicht umsonst war. Natürlich bringen sie es nicht übers Herz, ihn wieder in die Vergangenheit und in den sicheren Tod zu schicken... Die Geschichte ist sehr »wortreich« erzählt und enthält unzählige stilistische Blüten, vor allem die italienischen Einsprengsel und Bezeichnungen nerven am Anfang. Es dauert bis die Geschichte in Gang kommt, dann gewinnt sie aber zunehmend an Komplexität und Reiz, bis es zum Schluss richtig spannend wird.

Mit »Thalassa! Thalassa!« schickt uns Erik Simon wieder zu den Römern. Wir dürfen die Lebensgeschichte eines römischen Soldaten verfolgen, den es im wahrsten Sinne um die halbe Welt verschlägt. So landet er als Kriegsgefangener erst bei den Parthern, bei den Hunnen und schließlich bei den Chinesen. In deren Diensten schickt er sich an, die Welt zu umrunden. In seinem Bestreben bald wieder auf römischem Boden zu stehen unterliegt er allerdings einem schicksalhaften, vorkolumbianischen Irrtum. Erik Simon ist eine sprachlich und historisch ausgefeilte und kenntnisreiche Geschichte gelungen, die trotz ihres stark ausgeprägten Berichtscharakters sehr gut zu lesen ist.

Die Reise, die Frank Haubold schildert, ist die letzte aller Reisen, die ein Mensch unternehmen kann. »Am Ende der Reise« steht der Kapitän eines am Rande einer Anomalie festliegenden Raumschiffes, dem längst verstorbene Personen aus der Vergangenheit begegnen. Frank Hau- bold macht deutlich, dass die Suche nach dem Rand des universums letztlich eine Suche nach dem Sinn des Lebens ist. Die melancholische Suche nach dem Sinn des Lebens und den langsamen Abschied kleidet Frank Haubold in eine glaubwürdige und gefühlvoll gestaltete Geschichte.

Die letzte, ultimative Reise schildert von Frank Neugebauer in »Rückreise«. Es ist eine Reise zurück in die Zeit. Das Leben des Protagonisten verläuft - verursacht durch einen göttlichen Missgriff - rückwärts. Das ist keine neue Idee. Die Geschichte enthält aber ein paar nette Ideen und Sätze wie: »Dann kam der Tag, an dem sie sich kennenlernten - und ihre Wege trennten sich für immer.« Diese kleinen Apercus machen die ansonsten etwas gestreckte und sehr in alltäglichen Ereignissen verhaftete Erzählung, die mehr ein Lebenslauf als eine Geschichte ist, interessant. So, und nach nun fast hundert Seiten endet die Reise. Fast. Einen kleinen Nachschlag gibt uns Antje Ippensen mit einem Essay über die drei letzten EXODuS-Ausgaben und ihrer ganz persönlichen Sicht auf die Autoren und Künstler, ihre Werke und Texte. Anstatt Leserbriefe sozusagen, eine Rubrik, die mittlerweile, wohl auch weil die Fülle zu groß wurde, abgeschafft ist.

Es fällt auf, dass die Mehrzahl der Autoren mehr oder weniger Profis oder zumindest den inoffiziellen Status der Halbprofis haben und über langjährige Erfahrungen im Literaturbetrieb verfügen. Das sichert natürlich die hohe ungeschlagene Qualität dieses Magazins für Science Fiction Stories und phantastische Grafik. Aber langsam würde man sich doch mal einen neuen Namen und mehr frischen Wind wünschen.
Aber das ist Meckern auf allerhöchstem Niveau. Ich packe fernwehgeschüttelt meine Eulen (Hedwig, kommst Du nun endlich!), ein paar Euro, ein Handtuch und was man sonst noch braucht und ziehe los. Per aspera ad astra! Oder wohin der Wind des Schicksals diese Worte zu wehen vermag.

Holger Marks, Marburg, in: FANZINE-KURIER # 151 sowie ANDROMEDA NACHRICHTEN 236

Andromeda Nachrichten 240 , SFCD e.V., Murnau, Januar 2013, 140 Seiten A4, EUR 8,00 - ISSN 0934-3118 - Bezug: archiv@sfcd.eu


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