Ein Luxuskreuzfahrtschiff auf dem Weg vom Mond zum Mars, eine berühmte Ermittlerin und ein Verbrechen, das eigentlich gar nicht passieren dürfte. Mit Tod zwischen den Sternen verbindet Christian Endres klassische Detektivkunst mit Science Fiction und führt seine Leser auf eine ebenso elegante wie rätselhafte Reise durch das Sonnensystem.
Lesen Sie eine exklusive Leseprobe aus EXODUS 50.1
Tod zwischen den Sternen
Der Mord passierte auf der Reise vom Mond zum Mars. Nicht in der menschenverachtenden Schwärze des kalten Alls oder der menschenleeren Düsternis eines KI-gesteuerten Raumfrachters. Sondern im warmen, von goldenem Licht und guter Laune durchdrungenen Inneren des gigantischen Kreuzfahrtschiffes Sunbeam, auf dessen interplanetarem Flug durch den Weltraum.
Dass ein unbedeutender Passagier und unbescholtener Witwer wie meine Wenigkeit überhaupt von dem grausigen Mord an Bord erfuhr und in die Ermittlungen verwickelt wurde, hatte mit Ash Lennox zu tun.
Als begeisterter Krimi-Fan, zuweilen sogar Hobby-Schriftsteller, erkannte ich die größte Privatdetektivin des 23. Jahrhunderts natürlich sofort, auch wenn ich meinen Augen anfangs kaum traute. Doch es war eindeutig die berühmte Ermittlerin, die am Wegesrand meines Spaziergangs inmitten von baumgesäumten Rasenflächen und Blumenbeeten auf einer Parkbank saß – die Grünanlage befand sich innerhalb einer der riesigen transparenten Kuppeln, die der Sunbeam über ihren vielen Decks den Charakter einer Kolonie verliehen.
Genau hier, umgeben von irdischer Natur und überirdischer Endlosigkeit, sah ich die legendär scharfsinnige Ash Lennox.
Die Detektivin mit dem kurzen, zerzausten hellgrauen Haar hatte den Fall der geklonten US-Präsidentin während der Mond-Regatta gelöst, den Androiden-Serienmörder vom Mars aufgehalten und die Baupläne für Professor Nakamuras Hyperraum-Antrieb der nächsten Generation wiederbeschafft – von ihren Ermittlungen für diverse Königshäuser auf der Erde oder den marsianischen Geheimdienst, über die gemunkelt, spekuliert, fantasiert wurde, ganz zu schweigen.
An jenem Tag im Park und im All trug Ash Lennox einen klassischen dunklen Anzug samt Weste und Krawatte, ein weißes Hemd, Stiefeletten und Handschuhe. An ihrer Bank, von der aus sie mit raubkatzenhafter Konzentration eines der Blumenbeete beobachtete, lehnte außerdem ein schwarzer Spazierstock.
Damals kleideten sich die meisten Menschen durchaus elegant, jedoch leuchtend bunt. Lennox' strenger Schick war selbst auf dem Mars trendtechnisch lange passé. Doch das hätte ihr niemand ins blasse Gesicht gesagt, welches von markanten Wangenknochen, einem zynischen Ausdruck um den Mund sowie den alles durchschauenden braunen Augen beherrscht wurde.
Und es war ja definitiv auch nicht meine Aufgabe, Ash Lennox in modischen Belangen zu beraten.
Ehrlich gesagt musste ich schon all meinen Mut zusammennehmen, um langsam zu ihr hinüberzuschlendern und mich vorzustellen.
In respektvollem Abstand blieb ich vor ihrer Bank stehen, über uns die Wipfel der Bäume und der Ozean der Sterne.
Weil sie nicht einmal von den Blumen aufblickte, räusperte ich mich. »Madame Lennox? Mein Name ist Thierry Sonko. Ich bin ein großer Bewunderer Ihrer Arbeit. Kriminalfälle sind meine Leidenschaft, als Leser wie als Autor.« Ich lächelte freundlich. »Führt Sie ein Fall an Bord? Oder machen Sie, was ich mir gar nicht vorstellen kann, Urlaub? Sie scheinen ständig Verbrechen aufzuklären!«
Nach wie vor keine Reaktion.
Gerade als ich überlegte, den peinlich berührten Rückzug anzutreten und für den Rest der Kreuzfahrt mönchshaft in meiner Kabine zu bleiben, sagte Lennox, und zwar ohne den Blick zu heben: »Wussten Sie, dass es sich bei den Bienen in diesem Habitat um Mikro-Drohnen handelt? Heute sind es allerdings weniger als gestern. Ob das eine Analogie für ihr Beinahe-Aussterben einst auf der Erde sein soll?«
Alldieweil ich noch nach der passenden Antwort auf diesen Gedankengang suchte, betrat schnellen Schrittes ein großer Mann den Park, den ich ebenfalls vom Sehen her kannte, oder viel mehr, erkannte: Carlo Bianchi, Sicherheits-Chef der Sunbeam, die Schultern breit, das Haar und der Schnurrbart voll und glänzend, der schnittige Anzug in grellem Lila, die Fliege perlweiß.
»Verzeihen Sie die Störung, Madame Lennox«, sagte er zu der Detektivin. Nur flüchtig streifte sein Blick meine Person. »Es hat einen … Vorfall an Bord gegeben. Kapitän Zhào erbittet Ihre Anwesenheit, und ferner Ihre fachkundige Meinung.«
Monsieur Bianchis Tonfall machte deutlich, dass er für seinen Teil keinerlei Wert auf ihre Einmischung, geschweige denn ihre Meinung legte, sich einzig der Befehlskette und den Wünschen seiner Vorgesetzten auf der Brücke beugte.
Ash Lennox, bis eben immer noch in die Betrachtung der mechanischen Bienen vertieft, erhob sich dennoch zackig, hatte plötzlich ihren Spazierstock in der Hand und stand kerzengerade vor Bianchi und mir.
»Dann führen Sie mich mal zu Ihrem Blutbad und Ihrem Mordopfer«, sagte sie nüchtern.
Wer oder was erwartet Ash Lennox am Tatort – und wie kann sie den Fall lösen, bevor andere überhaupt die richtigen Fragen stellen?
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© Christian Endres
Erstveröffentlichung für EXODUS 50.1
© Illustration von Michael Vogt
