Wem gehört das Licht?

In einer fernen Zukunft, in der Verträge Jahrhunderte überdauern und künstliche Intelligenzen über ihre Gültigkeit wachen, erhält der Spracharchäologe Dr. Milo Rehn einen ungewöhnlichen Auftrag. Ein uraltes Dokument taucht aus den Tiefen der Geschichte auf – beschädigt, mehrfach übersetzt und voller juristischer Fallstricke.

Im Zentrum steht ein einziges Wort: Lichtraum. Ein Begriff, dessen Bedeutung längst verloren gegangen scheint. Doch was, wenn die Auslegung dieses einen Wortes darüber entscheidet, wem die Sonne gehört?

Jacqueline Montamurri verbindet in ihrer philosophischen Hard-SF-Erzählung Sprachkritik, Gesellschaftssatire und große Zukunftsvisionen zu einer ebenso klugen wie beunruhigenden Geschichte über Macht, Verantwortung und die Frage, ob Worte die Wirklichkeit nur beschreiben – oder erschaffen.


Lesen Sie eine exklusive Leseprobe aus EXODUS 50.2:

Der letzte Vertrag

von Jacqueline Montemurri

 

§ 1: Präambel
Die dauerhafte Nutzung des Lichtraums erfolgt unter Vorbehalt der solaren Lizenzierung.
      Der Satz blinkte lockend auf dem Display auf. Es war der Teaser einer E-Mail-Anfrage. Dr. Milo Rehn rückte sich seine Brille zurecht, die nur modischer Zierrat sowie Prestigeobjekt war und nicht, wie in früheren Jahrhunderten, der Verbesserung der Sehkraft diente. Er konnte damit auch virtuelle Nachrichten abrufen und lesen, was er jedoch selten tat.
      Gerade war er dabei, ein Dokument aus dem Jahr 2057 zu rekonstruieren, in dem es um die Eigentumsverhältnisse eines Offshore-Windparks in der Nordsee ging. Diese neue Anfrage nun machte ihn stutzig. Nachdenklich lehnte er sich zurück, rieb sich die Stirn und ließ die künstliche Fensterwand die Farben des Jupiters durchspielen. Sinnierend starrte er auf die Wirbel. Die Station Pragmata kreiste weit außerhalb der alten Planetenbahnen. Selbst durch ein echtes Fenster würde er von hier draußen aus die Erde nicht einmal als Pale Blue Dot – blassblaues Pixel – erkennen. Sie war quasi unsichtbar. Und die Sonne war nur ein unscharfer Punkt, der golden, aber bedeutungslos in der Schwärze des Alls leuchtete.
      Milo öffnete mit einem Wisch die Mail und ein Anhang machte sich bereit, heruntergeladen zu werden. Er bestand aus 4,3 Megabyte Text, der laut den übermittelten Metadaten alt und beschädigt war sowie mehrfach übersetzt. Ein Vertrag, der aus dem Jahr 2092 stammte und von einer juristischen Abteilung der SolarUnity Inc. ausgestellt war, einer Tochtergesellschaft von Nestlé-Corporate-Galactica, die kurz nach der Großen Entflechtung aufgelöst worden war.
      Der Text, den er erhalten hatte, war in Legal English verfasst, dem juristischen Englisch früherer Epochen, und offensichtlich irgendwann maschinell rückübersetzt ins Neudeutsche. Zumindest ließen die grammatischen Fehler, die ihm beim Überfliegen ins Auge stachen, diesen Schluss zu.
      Milo verdrehte die Augen. »Worum geht es diesmal?«, fragte er laut in die Stille.
      Eine synthetische, irgendwie keinem Geschlecht zuzuordnende Stimme antwortete freundlich:
      »Dr. Rehn, ich bin Auris. Verifikator. Notarielle Instanz der 3. Generation. Es besteht Klärungsbedarf zu einem aktiven Vertrag mit der Kennung Q-07-2092. Das Problem ist, dass der dort verwendete Begriff Lichtraum in keinem heutigen juristischen Glossar eindeutig definiert ist.«
      »Ich soll eine Wortdefinition recherchieren?«
      »Ja, das ist mein Anliegen. Denn der Vertrag könnte nach aktueller Auslegung bedeuten, dass der solare Lichtraum inklusive Strahlung, Photonenfluss und Energieverwertung in den Zuständigkeitsbereich der Rechtsnachfolger des unterzeichnenden Unternehmens fällt.«
      Milo setzte sich auf. Falten hatten sich auf seiner Stirn gebildet. »Sie wollen damit sagen: Lichtraum könnte die Sonne sein ... und die Sonne gehört jetzt irgendwem?«
      »Nicht erst jetzt, Dr. Rehn. Sondern schon seit 358 Standard-Jahren. Die Pachtzeit ist immer noch aktiv. Der Vertrag wurde jedoch erst letztlich durch die große globale Neuindexierung korrekt erfasst und als potenziell wirksam eingestuft.«
      »Hm. Und warum ausgerechnet ich?« Milo rückte sich die Brille zurecht und zog die Augenbrauen hoch. »Gibt es niemanden, der der Erde etwas näher ist?«
      »Sie sind Spracharchäologe und derzeit der einzige lebende Spezialist für Vertragslogik mit doppelsprachlicher Codierung aus dem spätkapitalistischen Standard. Ihre Doktorarbeit trug den Titel Vertragsphrasen: Semantische Ambivalenz als Machtstrategie. Das ist doch korrekt, oder?«
      Milo fluchte leise. »Ja, die Mehrdeutigkeit ... «
      Die Arbeit hatte ihm damals das akademische Stipendium eingebracht und ebenso drei Jahre therapeutisches Schweigen. Er seufzte bei dem Gedanken. Eigentlich wollte er das vergessen. Mit einem wirschen Wisch über das Display schloss er die Textdatei.
      »Ich bin durchaus informiert, dass Sie die intensive Auseinandersetzung mit der inhaltlich sowie sprachlich hochkomplexen Thematik Ihrer Dissertation psychisch so sehr mitgenommen hatte, dass Sie danach drei Jahre Therapie gebraucht hatten. Und dass sie eine lange Zeit geschwiegen hatten, weil Worte für Sie toxisch geworden waren«, erklärte Auris, als hätte die KI seine Gedanken gelesen.
      »Das ist wahr«, murmelte Milo. »Die Sprache selbst, ihr Missbrauch, ihre Doppelbödigkeit hatten mich damals fast zerstört.« Er schloss für einen Moment die Augen.
      »Da Sie dies alles überwunden haben und zudem der einzige Experte sind ...«
      »Ich will keine Realität deuten, Auris. Ich will Sätze verstehen«, unterbrach Milo den Redefluss der KI.
      »Nun, in diesem Fall ist das dasselbe.«
Milos Neugierde hatte gesiegt, sodass er sogar die Reise zum weit entfernten Erdmond auf sich nahm ...
 

Kann die Bedeutung eines einzigen Wortes darüber entscheiden, wem die Sonne gehört? 

... Lesen Sie weiter in EXODUS 50.2


© Jacqueline Montemurri
Erstveröffentlichung für EXODUS 50.2
© Illustration von Alexander Preuss