DvR schließt zum Ende des Jahres seine Tore

Ein Gespräch mit Dieter von Reeken

Es gibt Nachrichten, die einen als Herausgeberkollegen besonders berühren. Dieter von Reeken hat in seinem nun tatsächlich letzten Info-Brief angekündigt, seinen Verlag nach 23 Jahren zum Jahresende zu schließen. Das Ende seiner verlegerischen Tätigkeit war zwar seit Längerem angekündigt – doch nun wird deutlich, dass damit nicht nur ein Verlag verschwindet, sondern möglicherweise auch ein Teil seines über viele Jahre aufgebauten Buchbestands.

Rund 400 Exemplare aus seinem Programm sind derzeit noch vorhanden. Weil ein verbilligter Abverkauf der noch lieferbaren Titel aufgrund der Buchpreisbindung für einen Kleinverlag wirtschaftlich kaum darstellbar ist und sich bislang kein Interessent für die Übernahme des Restbestands gefunden hat, steht sogar die Vernichtung dieser Bücher im Raum.

Das ist Anlass genug, noch einmal genauer hinzusehen: Was war eigentlich die Idee hinter diesem Verlag? Was hat Dieter von Reeken in 23 Jahren bewegt? Welche Bücher waren ihm besonders wichtig – und was bleibt davon?

Herausgeberkollege René Moreau hat ihn deshalb um einen kleinen persönlichen Rückblick gebeten.

1. Am Anfang steht die Idee.

RMo: Was hat dich ursprünglich dazu gebracht, einen eigenen Verlag zu gründen – und was war die verlegerische Idee, die hinter dem Verlag Dieter von Reeken stand?

DvR: Schon in den 1960er Jahren, als damals Jugendlicher (ich bin Jahrgang 1948), hatte ich bedauert, dass viele klassische und überhaupt ältere Bücher aus dem Bereich Utopie und Science Fiction nicht oder nur auf Umwegen (ohne Internet) sehr schwer erreichbar waren. Neuausgaben, wenn man von Jules Verne und Hans Dominik absah, gab es nur vereinzelt. Neuausgabe-Notlösungen in Form von Kleinstauflagen als Typoskripte im Spiritus-Umdruckverfahren (Jakob Bleymehl) wurden nicht akzeptiert, als gedruckte Neuausgaben (außer dem Buchdruck gab es nur den Offsetdruck) wären sie unerschwinglich gewesen. Erst um die Jahrtausendwende bot das „Book on Demand“ einen Ausweg. Auf diesem Weg konnte ich seit 2003 und verstärkt seit meinem Eintritt in den Ruhestand (ab 2005) meine über Jahrzehnte hinweg ruhenden Pläne teilweise verwirklichen.


2. Dein Programm war nie beliebig.

RMo: Du hast dich über die Jahre sehr intensiv mit älterer utopischer und phantastischer Literatur, ihren Autoren und ihrer Geschichte beschäftigt. Was war dir bei der Auswahl deiner Bücher besonders wichtig? Gab es so etwas wie einen roten Faden, der sich durch dein Programm gezogen hat?

DvR: Bei meinen Projekten habe ich, abgesehen von der Erreichbarkeit der Originale als Vorlagen, angestrebt, wenig bekannte Werke wieder zugänglich zu machen. Dabei habe ich mich aber nicht nur an der Seltenheit orientiert, sondern bin auch meinen Neigungen nachgegangen. Neben den Erzählungen von Carl Grunert und Oskar Hoffmann war es vor allem das Werk von Kurd Laßwitz, das ich möglichst vollständig erschließen wollte und konnte, und zwar nicht nur beschränkt auf seine Erzählungen und Romane, sondern unter Einbeziehung seiner wissenschaftlichen und philosophischen Bücher und zahlreichen Aufsätze.

Unsere Redaktions-Tipps: 

Natur und Mensch
und andere Vorträge und Aufsätze
1 (1869–1885).

Neuausgabe seltener Abhandlungen, Aufsätze und Vorträge aus den Jahren 1869–1885 im Neusatz.

292 Seiten, 6 Reproduktionen,
Hardcover - (laminierter Pappband, Lesebändchen) - 30,00 € 

Zivilisation und Kultur
und andere Vorträge
,und Aufsätze (1886–1910).
Neuausgabe seltener Abhandlungen, Aufsätze und Vorträge aus den Jahren 1886 bis 1910 im Neusatz.
289 Seiten, 4 Reproduktionen,
Hardcover - (laminierter Pappband, Lesebändchen) - 30,00 €
ISBN
978-3-940679-29-1


3. Hinter jedem Buch steckt Arbeit.

RMo: Du schreibst in deinem letzten Info-Brief sehr schön von der manchmal „schweren Geburt“ eines Buches und den Erinnerungen, die damit verbunden sind. Gibt es unter den vielen von dir veröffentlichten Büchern einige, mit denen du persönlich eine ganz besondere Geschichte verbindest – vielleicht gerade auch eines, bei dem du heute noch sagst: Gut, dass ich das gemacht habe?

DvR: Da möchte ich vor allem zwei Bücher nennen: Kurd Laßwitz hatte 1884 den leichten Unterhaltungsroman „Schlangenmoos“ in der Art der „Erzgebirgischen Dorfgeschichten“ von Karl May geschrieben, und zwar vorsorglich unter dem Pseudonym „L. Velatus“. Jahre später (frühestens 1886) hatte er diesen Roman zu einem Lustspiel verarbeitet, das nie aufgeführt worden ist und in den Laßwitz-Bibliografien und Nachlassverzeichnissen nicht auftauchte. Dieses handschriftliche Manuskript, geschrieben in der damals üblichen Kurrent-Schrift, ruhte jahrzehntelang in Sammlerhand und ist erst 2008 anhand einer Bestandsliste in der Universitätsbibliothek Gießen (meine Tochter studierte in dieser Zeit in Gießen) entdeckt worden. Dieses umfangreiche Manuskript habe ich aus der Handschrift übertragen und 2008 zum ersten Mal im Druck veröffentlicht. Dieses Buch ist tatsächlich in zeitintensiver Arbeit „unter meiner Hand“ entstanden. – Das zweite Buch ist das 1959 im Verlag der Gebrüder Weiß in Berlin erschienene Jugendbuch „Mein Freund vom anderen Stern“ von Jak[ob] Lang, der es im Alter von 14 Jahren verfasst hatte. Dieser Roman, der auch in niederländischer und italienischer Übersetzung erschien, ist dann 1960 in Fortsetzungen in der damals sehr verbreiteten Jugendzeitschrift „Rasselbande“ nachgedruckt worden, begleitet durch eine „Home-Story“ und weitere Berichte über den jugendlichen Verfasser. Jak Lang ist dann im gleichen Jahr in einer von der Leserschaft ausgewählten Gruppe, zu der auch der damals durch den Film „Die Brücke“ bekannt gewordene Volker Lechtenbrink gehörte, in die USA gereist, worüber in der „Rasselbande“ in Fortsetzungen ausführlich berichtet wurde. Diese Erinnerungen brachten mich dazu, den Roman neu zu veröffentlichen, wobei einige „Detektivarbeit“ dazu gehörte, die heutigen Urheberrechtsinhaber (Jak Lang war schon 1994 im Alter von nur 50 Jahren verstorben) ausfindig zu machen; ich bin übrigens stolz darauf, dass ich in meinem Verlag das Urheberrecht durchgängig respektiert habe.

 

 

 

 

 Unser Redaktions-Tipp: 

Jak Lang:
Mein Freund vom anderen Stern
Eine utopische Erzählung für die Jugend
. Neuausgabe der 1959 erschienenen Erstausgabe. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Dieter von Reeken. Paperback, 141 Seiten, 22 Abbildungen

17,50 € – ISBN 978-3-945807-81-1

 


4. Was bleibt?

RMo: Nach 23 Jahren endet nun deine verlegerische Arbeit. Wenn du heute auf diese Zeit zurückblickst: Was glaubst du, ist von dem, was du mit deinem Verlag angestoßen und veröffentlicht hast, dauerhaft wichtig – und worüber würdest du dich freuen, wenn es auch in zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren noch gelesen und erinnert wird?

DvR: Ich glaube, dass meine „Kollektion Laßwitz“ mit dem Werk von Kurd Laßwitz in 20 Bänden nebst drei Bänden mit Sekundärliteratur, die mehrere öffentliche Bibliotheken beschafft haben, noch über mehrere Jahre genutzt werden wird.

 

 

 

 

 

 

Unser Redaktions-Tipp: 

Rudi Schweikert
Gerade Gedanken – schiefe Gedanken
Gesammelte Studien aus 45 Jahren zu Kurd Laßwitz und seinem Werk
Klappenbroschur, 400 Seiten 64 Abbildungen

25,00 € – ISBN 978-3-945807-54-5



5. Und dann sind da noch die Bücher.

RMo: Rund 400 Exemplare deines Verlagsprogramms sind derzeit noch vorhanden, und wenn sich keine andere Lösung findet, müssten die verbliebenen Bücher zum Jahresende vernichtet werden. Was würdest du einem Leser sagen, der dein Programm bisher vielleicht nur am Rande kennt und jetzt überlegt, ob er sich noch einmal darin umsehen sollte?

DvR: Da die Bücher meines Verlags in nur verhältnismäßig kleinen Auflagen erschienen sind, wird es zunehmend schwerer, auch antiquarisch, manche Titel überhaupt noch zu erreichen, und dann teilweise („Sun Koh“) zu sehr hohen Preisen. Mehr möchte ich nicht sagen, das wäre nicht nur verkappte, sondern offene Werbung …

RMo: Ich bedanke mich für dieses Gespräch – und wünsche dir, dass möglichst vieles von dem, was du in 23 Jahren mit deinem Verlag bewahrt und wieder zugänglich gemacht hast, seinen Weg in die Zukunft findet.

 



Dieter von Reeken wurde 1948 in Oldenburg (Oldb.) geboren und ist dort aufgewachsen. Nach dem Realschulabschluss absolvierte er die Ausbildung für den gehobenen Verwaltungsdienst (in Oldenburg und Bad Münder bei Hannover) und studierte nach kurzer Tätigkeit als Regierungsinspektor in Hannover über den zweiten Bildungsweg (Hannover-Kolleg) Rechtswissenschaften an der Universität Bremen. Seit 1978 war er als juristischer Dezernent und zuletzt Dezernatsleiter bei der (2005 aufgelösten) niedersächsischen Bezirksregierung Lüneburg tätig und trat 2005 in den Ruhestand.

Er lebt seit 1978 in Lüneburg, ist seit 1978 verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder und zwei Enkel. Der Science Fiction und dem Fandom verbunden ist er, mit großen berufsbedingten Unterbrechungen, seit Anfang der 1960er Jahre. Seit 2003 (noch bis Ende 2026) betreibt er auf diesem Gebiet einen Kleinverlag. 


DvR LogoNoch bis Ende 2026 erhältlich!

Der Verlag Dieter von Reeken bietet seine noch lieferbaren Titel bis zum Jahresende weiterhin direkt an. Die jeweils aktuellen Restbestände sind auf der Verlags-Homepage (https://www.dieter-von-reeken.de) zu finden. Danach wird die Verlagsseite abgeschaltet und die Bücher werden – abgesehen von einzelnen Exemplaren im Handel – voraussichtlich nur noch antiquarisch erhältlich sein.