... eine der besten semiprofessionellen Publikationen ...

Beginnend mit dem eindrucksvollen Titelbild überzeugt vor allem die Galerie, in welcher der Computerkünstler Markus Vogt vorgestellt wird. Neben den warmherzigen einleitenden Worten sind es Vogts Graphiken, deren Giger Wurzeln nicht immer zu leugnen sind, welche im Vergleich zu anderen im Exodus Magazin vorgestellten Künstlern eine weitere Bandbreite aufweisen können. Die Bildqualität der mehr als zwanzig Farbseiten und des hervorragend ausgesuchten Titelbilds ist wie bei allen „Exodus“ Ausgaben überdurchschnittlich gut.   

Tino Falke eröffnet der Science Fiction Geschichten Reigen mit „#WeAreMedusa“. Die Götter und ihre potentielle Allmacht auf Erden werden der Internet, Flash Mob und Facebook Generation gegenüber gestellt. Eine interessante Prämisse, welche ohne die phantastischen und bizarr erscheinenden Elemente konträr darzustellen auf heutigen Ereignissen basierend konsequent extrapoliert worden ist. Diese Welt ist auf der einen Seite so vertraut, auf der anderen Seite so fremdartig/ exotisch, dass Tino Falke diesen Hintergrund durchaus auch in Form von längeren Kurzgeschichten oder Novellen weiter literarisch positiv gesprochen ausbeuten sollte.

Hans Jürgen Kuglers „Alles zu seiner Zeit“ ist eine klassische Pointenstory. Der Protagonist wacht in einer „veränderten“ Welt mit bizarren Phänomenen auf und versucht sich zu orientieren. Der allwissende Leser wird am Ende der atmosphärisch stimmigen Geschichte im Gegensatz zum desorientierten „Helden“ die Auflösung erfahren. Die Pointe könnte als Warnung verstanden werden, der Natur nicht ins Handwerk zu pfuschen. Sie wirkt aber auch ein wenig antiquiert.

Wolf Wellings „Löwenmenschen“ illustriert von passenden Fotos ist ohne Frage sehr gut geschrieben und die sprachlichen Bilder in Form von Alpträumen überzeugen auch. Es ist eine eher klassische Suche nach den Legenden, die früher in den weißen Flecken auf der nicht gänzlich kartographierten Erde entstanden sind. Aber irgendwo im Verlaufe der Handlung verliebt sich der Autor zu seiner in die Schöpfungen, die er nicht erschaffen, aber lebendig gemacht hat. Das offene Ende wirkt eher wie der Abschluss eines Kapitels als das Ende einer Kurzgeschichte.  

Victor Bodens „Vielleicht ein andermal“ lockt den Leser alleine schon durch die anschauliche Erklärung „mathematischer Kurven“ an. Intelligente Frauen mit exotischen Figuren; wunderschön und berechnend, gefährlich und faszinierend zu gleich. Mit denen sich Wissenschaftler stundenlang unterhalten können. Eine ideale vielleicht sogar idealisierte Vorstellung. Die üblichen Konflikte in der Ehe mit erstarrten Fronten. Schließlich sogar ein Krieg. Es sind viele interessante Ansätze gewürzt mit anfänglich lebendigen, guten Dialogen, welche in diese Geschichte eingeflossen sind. Die Pointe ist zwar konsequent, wirkt aber für diese Art der Storys auch typisch ein wenig aufgesetzt, so dass der Leser das unbestimmte Gefühl hat, als wenn die anfängliche Ambitionen sich gegen Ende in den Zeiten/ Parallelwelten auch ein wenig verstreut haben.  Auch in Dirk Alts „Die Stadt der XY“ geht es abschließend um einen Krieg mit zynisch gesprochen humanen Waffen, welche die Menschen töten und die Gebäude intakt lassen. Beginnend als Geistergeschichte mit der Entdeckung eines toten Mädchens in ihrem Versteck durch die Tochter des Erzählers entwickelt der Autor ein gespenstisches Szenario eingebunden in einen Familienkonflikt. Während der Ehemann seinem „Land“ die Treue schwört und in den besetzten Gebieten auf seine eigentliche „Bestimmung“ wartet, versucht die Ehefrau, diesem Ort der Gräuel wieder zu entkommen. Beginnend mit einem intensiven Auftakt verbreitet sich die dunkle Stimmung weiter. Die Atmosphäre der Geschichte ist melancholisch depressiv. Der Zweckoptimismus wirkt aufgesetzt.

Zwei  Geschichten haben Asteroiden mehr oder minder im Mittelpunkt ihres Interesses. Rolf Krohns „Der Asteroid“  ist die altbekannte Story von der Bedrohung der Menschen. Bevor ein Asteroid auf die Reise zum Mars hinsichtlich des Terraforming geschickt wird, entdeckt die Crew des Raumschiffs offensichtlich ein außerirdisches Artefakt, das möglicherweise eine „perfekte“ Waffe sein könnte. Der allgemein paranoide Ausblick auf einen unsichtbaren, aber allgegenwärtigen Feind passt in das gegenwärtige Klima, während die ganze Geschichte stilistisch solide, aber nicht inspiriert erscheint. Sie wirkt wie ein Fremdkörper in einer progressiven Ausgabe und verkörpert eher die gute alte Zeit der deutschsprachigen Science Fiction aus den sechziger bis achtziger Jahren.  Asteroidenbergbau spielt in „humanoid experiment“ von Jacqueline Montemurri eine wichtige Rolle. Die Autorin macht aber sehr viele Fehler. Die Idee des Kryoschlafs wird nicht weiter extrapoliert. Das Paar entpuppt sich nur in der Theorie als „menschlich“.  Es wird zu viel über alltägliche Dialoge selbst in den Tiefen des Alls gesprochen, die rückblickend keinen Sinn machen. Wenn wirklich der Einfluss des Kryoschlafs und die Einsamkeit des Alls auf den Menschen untersucht werden soll, dann erscheint das Experiment in seinen Fundamenten falsch angelegt. Der Stil  ist ausgesprochen gestelzt und die Autorin kann die Atmosphäre an zu wenigen Stellen überzeugend beschwören.  Die Auftraggeber dieses Experiments inklusiv der Erforschung von Bodenschätzen weit ab von der Erde hätten es einfacher haben können, dann gäbe es aber auch keine Geschichte zu erzählen. 

Die längste Geschichte der Ausgabe stammt von Andreas Eschbach. „Acapulco! Acapulco!“ . Es ist schön, wenn ein solcher Profi auch einmal einen Text für ein semiprofessionelles Magazin abliefert. Beginnend in einer perfekten Freizeitwelt folgt Andreas Eschbach den Spuren klassischer Geschichten künstlicher Intelligenz und ihres Schutzbedürfnisses dem Menschen gegenüber. Zwar wirkt das Ende ein wenig belehrend, während die erste Hälfte exotisch wie innovativ erscheint. Aber Eschbachs frischer sehr lockerer Stil umschifft einige Klippen im sehr stringenten Plotverlauf.   

Frank W. Haubolds kompakte wie intensive emotionale Geschichte „Feenland“ verfügt über ausreichend politische Gegenwartsbezüge, um den Leser nicht nur zu berühren, sondern zum Nachdenken zu bringen.  Der Autor baut vielleicht zu viele Ideen und Themen auf zu wenig Raum ein. Der Plot mit der Rettung der wahren Liebe aus den Fängen einer an den IS und deren Behandlung von Frauen erinnernden Organisation; die konsequente Auslöschung des Feindes durch einen in der Öffentlichkeit als Mörder gebrandmarkten, für die Menschen aber zum Helden stilisierten Überprotagonisten und die Erschaffung einer futuristischen und trotzdem in der irdischen Vergangenheit verhafteten Welt sind sehr gut gelungen. Aber vieles wirkt zu abrupt, zu sprunghaft. Frank W. Haubold ist vor allem ein Autor der mittleren Textlänge. Seine stärksten Arbeiten sind überwiegend Novellen gewesen, in denen er vor allem die lebensechten Charaktere ausreichend herausarbeiten kann. Alle seine Stärken sind ohne Frage in „Feenland“ vorhanden, sie wirken aber manchmal zu rudimentär entwickelt. Vielleicht setzt sich der Autor irgendwann einmal hin und arbeitet diesen stringenten, aber auch eher klassischen Plot zu einer Novelle um.   

Thomas Frankes „Der Plan“ und Michael Gernot Sumpers „Electronica“ sind kurze, intensive Geschichten sehr unterschiedlicher Qualität. Experimentell und von Dialogen getrieben wirkt Thomas Frankes Text zu gekünstelt, zu stark auf eine potentielle Botschaft ausgerichtet. In diesem Fall wirkt die statische Form sogar kontraproduktiv, während Sumper in seiner in Form eines modernen Märchens geschriebenen Parabel auf die wichtigsten Komponenten des Lebens eingeht. Wie bei den Eheleuten Braun ist die Botschaft aufrichtig, aber auch bemüht.  Der menschliche Unverstand – am Ende zeigt er sich auf beiden Seiten – siegt zum Leidwesen aller. Der unverdiente Wohlstand als mahnender Zeigefinger, die Idee des grenzenlosen risikolosen Fortschritts als Allegorie auf das Vergessen der Traditionen, der Hände Arbeit. Alles signifikante Ideen, die auf eine Dorfgemeinschaft und einen Einsiedler reduziert nachhaltiger erscheinen.

Wie bei den letzten „Exodus“ Arbeiten werden die Kurzgeschichten von verschiedenen Zeichnern mit ihren jeweils individuellen Stilen sehr gut illustriert, quasi begleitet. Diese Mischung aus gut zu lesenden Storys und ihrer graphischen Interpretation machen auch den Reiz des Magazins seit vielen Jahren aus. Weiterhin eine der besten semiprofessionellen Publikationen des in dieser Hinsicht auch darbenden Science Fiction Fandoms.

Thomas Harbach

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